... und die Klassiker

Auch für das Verhältnis von Friedrich Ilölderlin zu den Klassikern gilt das Motto unseres Abends: das Scheitern an Hölderlin und Hölderlins Scheitern, in diesem Falle an Schiller und Goethe.
Die überlieferte Korrespondenz zeigt, daß vor allem Schiller einer der Fixsterne in Hölderlins Welt war, um den Hölderlin wie ein Planet kreiste, dessen Ausstrahlung und Anziehung ihm jedoch zuweilen zu mächtig wurde, so daß er wie in Jena im Mai/Juni 1795 das Satellitendasein fürchtete und scheinbar ohne erkennbaren Grund nach Niirtingen zurückkehrte. Wenn man das Bild fortführt, könnte man vielleicht sagen, daß der eigentliche Grund für das Scheitern der Beziehungen Hölderlins zu dem 21 Jahre älteren Goethe (damals schon eine Weltberühmtheit) und zu dem 11 Jahre älteren Landsmann Schiller wohl darin zu sehen ist, daß Hölderlin nicht erkannte, daß Schiller wie auch Goethe keine Fixsterne waren, sondern sich nach eigenen Gesetzen bewegten. Schließlich darf man nicht vergessen, daß Goethe und Schiller sich selbst erst seit dem Juni 1794 zu verstehen und schätzen beginnen und damit die Symbiose begründen, die wir heute Weimarer Klassik nennen. Hölderlin liebte vor allem Schillers 'Don Carlos' - und der 'Don Carlos' war es gerade, von dem sich Schiller in diesen Jahren fortbewegte.

Wenn man die Korrespondenz studiert, gewinnt man den Eindruck, daß sich Schiller durchaus väterlich wieder um den Magister Hölderlin nach der eineinhalbjährigen Kornmunikationspause bemüht, die nach Hölderlins Abreise aus Jena entstanden ist.
Er versucht ihn bei dem Verleger Cotta in Tübingen einzuführen und nimmt auch einzelne Hölderlinsche Gedichte und das „Hyperion-Fragment“ in seiner „Thalia“, den „Musen-almanachen“ und den „Horen“ auf. Er spricht aber auch seine Kritik klar aus -und das verletzt wahrscheinlich den sensiblen Hölderlin wieder.
Wir möchten hier Dokumente aus den Jahren 96/97 - also der Zeit Hölderlins in Frankfurt im Hause Gontard vorführen -, die einerseits eine Art Wiederannäherungsphase zwischen Hölderlin und Schiller und Goethe darstellen, andererseits die Komplexität der Beziehungen zu den Klassikern deutlich werden lassen. Hölderlin hatte zuvor mehrfach vergeblich an Schiller geschrieben und ihm mehrere Gedichte, darunter die mittlere Fassung von 'Diotima', geschickt. Der Brief vom 20.11. 1796 läßt seine verzweifelte Abhängigkeit von Schiller erkennen. Es heißt darin unter anderem:

Haben Sie Ihre Meinung von mir geändert? Haben Sie mich aufgegeben?
Verzeihen Sie mir diese Fragen. Eine Anhänglichkeit an Sie, gegen welche ich oft vergebens angieng, wenn sie Leidenschaft war, eine Anhänglichkeit, die noch immer mich nicht verlassen hat, nöthigt solche Fragen mir ab.
Ich würde mich darüber tadeln, wenn Sie nicht der einzige Mann wären, an den ich meine Freiheit so verloren habe.
Schiller antwortet darauf betroffen quasi sofort am 24.11.96 aus Jena und gibt Hölderlin recht kritische Ratschläge, die uns vielleicht als zu kritisch erscheinen. Aber man beachte: Der Hölderlin von 1796 ist noch lange nicht der IIölderlin, den wir kennen. Er hat noch keines der Gedichte geschrieben, die in heutigen Anthologien stehen.
Um eine Vorstellung von der damaligen Lyrik Hölderlins zu vermitteln, sollen hier die ersten zehn Verse des „Wanderer“ erklingen:

DER WANDERER

Einsam stand ich und sah in die Afrikanischen dürrcn
Ebnen hinaus; vom Olymp regnete Feuer herab.
Fernhin schlich das hagre Gebirg, wie ein wandelnd Gerippe,
Hohl und einsam und kahl blickt' aus der Höhe sein Haupt.
Ach! nicht sprang, mit erfrischendem Grün der schattende Wald hier
In die säuselndc Luft üppig und herrlich empor,
Bäche stürzten hier nicht in melodischem Fall vom Gebirge,
Durch das blühende Tal schlingend den silbernen Strom,
Keiner Herde verging am plätscherndem Brunnen der Mittag,
Freundlich aus Bäumen hervor blickte kein wirtliches Dach.
...
Schiller schickt die erwähnten Gedichte Hölderlins aus Jena sofort zu Goethe nach Weimar.
Stellen wir uns zur Abwechslung einmal vor, beide hätten schon ein Telefon besessen und riefen einander an:
SZENE: SCHILLER UND GOETHE AM TELEFON
SCHILLER:
Hier Schiller, Herr Geheimrat! Guten Morgen! Ich habe eine große Bitte an Sie. Es geht um den Musenalmanach. Ich lasse Ihnen heute noch etwas expedieren.
Ich lege hier 2 Gedichte bey, die gestern für den Almanach eingeschickt worden sind. Sehen Sie sie doch an, und sagen mir in ein paar Worten, wie Ihnen die Arbeit vorkommt, und was Sie sich von dem Verfasser versprechen. Über Produkte in dieser Manier habe ich kein reines Urtheil, und ich wünschte gerade in diesem Fall recht klar zu sehen, weil mein Rath und Wink auf den Verfasser Einfluß haben wird.

GOETHE :
Danke, Herr Hofrat! Ich werde das Geschäft umgehendst erledigen.

(Telefonklingeln)

GOETHE:
Hier Goethe. Lieber Schiller:
Denen beiden mir überschickten Gedichten, die hier zurückkommen, bin ich nicht ganz ungünstig, und sie werden im Publico gewiß Freunde finden. Freilich ist die Afrikanische Wüste und der Nordpol weder durch sinnliches noch durch inneres Anschauen gemalt, vielmehr sind sie beide durch Negationen dargestellt, da sie denn nicht, wie die Absicht doch ist, mit dem hinteren deutsch-lieblichen Bilde genugsam konstrastieren. Beide Gedichte drücken ein sanftes, in Genügsamkeit sich auflösendes Streben aus. Der Dichter hat einen heiteren Blick über die Natur, mit der er doch nur durch Überlieferung bekannt zu sein scheint. Einige lebhafte Bilder überraschen, ob ich gleich den quellenden Wald, als negierendes Bild gegen die Wüste, nicht gern stehen sehe. In einzelnen Ausdrücken wie im Versmaß wäre noch hie und da einiges zu tun.
Ehe man mehreres von dem Verfasser gesehen hätte, daß man wüßte, ob er noch andere Talente in andern Versarten hat, wüßte ich nicht, was ihm zu raten wäre. Ich möchte sagen, in beiden Gedichten sind gute Ingredienzien zu einem Dichter, die aber keinen Dichter machen. Vielleicht täte er am besten, wenn er einmal ein ganz einfaches idyllisches Faktum wählte und es darstellte; so könnte man eher sehen, wie es ihm mit der Menschenmalerei gelänge, worauf doch am Ende alles ankommt. Ich sollte denken, der 'Äther' würde nicht übel im Almanach und 'Der Wanderer' gelegentlich ganz gut in den Horen stehen.

SCHILLER:
Verehrtester!
Es freut mich, daß Sie meinem Freunde und Schutzbefohlenen nicht ganz ungünstig sind. Das Tadelnswürdige an seiner Arbeit ist mir sehr lebhaft aufgefallen, aber ich wußte nicht recht, ob das Gute auch Stich halten würde, das ich darinn zu bemerken glaubte. Aufrichtig, ich fand in diesen Gedichten viel von meiner eigenen sonstigen Gestalt, und es ist nicht das erstemal, daß mich der Verfasser an mich mahnte. Er hat eine heftige Subjectivität, und verbindet damit einen gewissen philosophischen Geist und Tiefsinn. Sein Zustand ist gefährlich, da solchen Naturen so gar schwer beyzukommen ist. Indessen finde ich in diesen neuern Stücken doch den Anfang einer gewissen Verbesserung, wenn ich sie gegen seine vormaligen Arbeiten halte; denn kurz, es ist Hölderlin, den Sie vor etlich Jahren bei mir gesehen haben. Ich würde ihn nicht aufgeben, wenn ich nur eine Möglichkeit wüßte, ihn aus seiner eignen Gesellschaft zu bringen, und einem wohlthätigen und fortdauernden Einfluß von außen zu öfnen.

GOETHE:
Ich will Ihnen nur auch gestehen daß mir etwas von Ihrer Art und Weise aus den Gedichten entgegensprach, eine ähnliche Richtung ist wohl nicht zu verkennen, allein sie haben weder die Fülle, noch die Stärke, noch die Tiefe Ihrer Arbeiten. Indessen recommandirt diese Gedichte, wie ich schon gesagt habe, eine gewisse Lieblichkeit, Innigkeit und Mäßigkeit und der Verfasser verdient wohl, besonders da Sie frühere Verhältnisse zu ihm haben, daß Sie das mögliche thun um ihn zu lenken und zu leiten.

SCHILLER:
Verehrtester! Noch ein Wort über einen anderen meiner Protegés , Herrn Schmidt! Mit ihm habe ich freilich wenig Ehre aufgehoben, wie ich sehe, aber ich will solange das Beste hoffen, biß ich nicht mehr kann. Ich bin einmal in dem verzweifelten Fall, daß mir daran liegen muß, ob andere Leute etwas taugen, und ob etwas aus ihnen werden kann; daher werde ich diese Hölderlin und Schmidt. so spät als möglich aufgeben.
Ich möchte wissen, ob diese Schmidt., diese Richter, diese Hölderlins absolut und unter allen Umständen so subjectivisch, so überspannt, so einseitig geblieben wären, ob es an etwas primitivem liegt, oder ob nur der Mangel einer aesthetischen Nahrung und Einwirkung von außen und die Opposition der empirischen Weil in der sie leben gegen ihren idealischen Hang diese unglückliche Wirkung hervorgebracht hat. Ich bin sehr geneigt das letztere zu glauben, und wenn gleich ein mächtiges und glückliches Naturell über alles siegt, so däucht mir doch, daß manches brave Talent auf diese Art verloren geht.

Schiller hatte sich in der Zwischenzeit brieflich an Hölderlin gewandt und die Aufnahme des „Äthers“ in den 'Musenalmanach' schon zugesagt. Der Brief ist verloren gegangen. Hölderlin antwortet sofort:

Ihr Brief wird mir unvergeßlich sein, edler Mann! Er hat mir ein neues Leben gegeben. Ich fühle tief, wie treffend Sie meine wahrsten Bedürfnisse beurteilt haben, und ich folge um so freiwilliger Ihrem Rat, weil ich wirklich schon eine Richtung nach dem Wege genommen hatte, den Sie mir weisen.

Nach 1797 hört die Verbindung zu Schiller allmählich ganz auf, obwohl sich Hölderlin immer wieder bemüht. 1799 plant er eine neue Literaturzeitschrift und erhofft sich, seinen Lebensunterhalt davon bestreiten zu können. Alles hängt für Hölderlin von diesem Projekt ab. Vielleicht gäbe es dann auch eine materielle Grundlage, um sein Verhältnis zu Diotima/ Susette Gontard neu zu regeln. Aber der in der Herausgabe von Literaturzeitschriften erfahrene Schiller gibt eine abschlägige Antwort. Letztmalig wendet sich Hölderlin am 2. Juni 1801 an ihn. Er versucht nun, an der Universität Jena Fuß zu fassen und damit eine bürgerliche Existenz zu begründen. Schiller jedoch antwortet nicht. Seitdem findet zwischen beiden Dichtern keinerlei Kommunikation mehr statt.
Kann man Schiller für das Scheitern Hölderlins also mitverantwortlich machen, wie es häufig geschieht?
Erinnern wir uns: Schiller hat sich selbständig aus erdrückenden Institutionen (der Schule, dem vorgesehenen Beruf, der Heimat) befreit und kann von daher wohl lange die Lage Hölderlins nachvollziehen. Andererseits hat er einen Ruf zu verlieren, er kann auch kein unbegrenztes Verständnis für diejenigen aufbringen, die den Befreiungs- und Emanzipationsprozeß nicht in ähnlicher Weise leisten wie er selbst. Neben Hölderlin suchen auch noch andere seine und Goethes Protektion: Man denke nur an Kleist. Und schließlich hat er andere philosophisch-poetische Vorstellungen, an denen er berechtigterweise festhält, die ihn aber darin hindern, ein kommendes Genie wie Hölderlin richtig einzuschätzen.

Wolfgang Winter

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