... und Diotima

Die Begegnung mit Susette Gontard, in Hölderlins Oichtung Diotima genannt, ist die zentrale Begebenheit irn Leben des Friedrich Hölderlin. Hölderlin hat sich durch diese Begegnung entscheidend gewandelt.
Lange tot und tiefverschlossen,
Grüßt mein Herz die schöne Welt;
Seine Zweige blühn und sprossen,
Neu von Lebenskraft geschwellt;
0! ich kehre noch ins Leben,
Wie heraus in Luft und Licht
Meiner Blumen selig Streben
Aus der dürren Hülse bricht.

Wie so anders ists geworden!
(...)
Diotima! selig Wesen!
Herrliche, durch die mein Geist,
Von des Lebens Angst genesen,
Götterjugend sich verheißt!
Unser Himmel wird bestehen,
Unergründlich sich verwandt,
Hat sich, eh wir uns gesehen,
Unser Innerstes gekannt.
(S. 222)
„Lange tot und tiefverschlossen“ soll Hölderlins Herz gewesen sein? Ist das nicht verwunderlich, ja, geradezu unglaublich angesichts der Zeit, in der Hölderlin lebte? .
Die großen Geister des deutschen Geisteslebens, - Goethe, Schiller, Fichte -, stehen in der Blüte ihres Schaffens, Kants leuchtender Stern strahlt immer noch über Königsberg, und die neuen Sterne, Hegel und Schelling, - ebenfalls überragenden Glanz versprechend -, haben mit Hölderlin die Schulbank gedrückt, wachsen und reifen mit ihm heran.

Und mit welcher Begeisterung hat Hölderlin nicht Schiller verehrt ...? Dennoch sagt er: „Lange tot und tiefverschlossen“.
Man wird anerkennen müssen, daß Hölderlin hier die Wahrheit sagt.
Und diese Wahrheit wirft ein bezeichnendes Licht auf sein Inneres. Überschäumend bricht sein Herz aus der von ihm so erlebten idealistisch- abstrakten Enge und wendet sich hin zur Natur.
Der junge Goethe hätte das gut verstanden; der jetzige war darüber hinaus.
Und Schiller und Fichte?
Ihre Idealität und Moralität standen weit über der Natur, suchten bestenfalls von ferne eine Verbindung zu schlagen.
Kants zum Sternenzelt reichender kategorischer Imperativ: „Pflicht, du erhabener, großer Name ...“ versuchte es noch nicht einmal.
Schellings Naturphilosophie steckte noch in der abstrakten Identität - ,
und Hegels Weltgeist hatte sich noch nicht zum Leben in seinem Anderssein durchgearbeitet.
Wie also muß sich Hölderlin in diesem Umkreis fühlen?
Ich friere und starre in den Winter, der mich umgibt. So eisern mein Himmel ist, so steinern bin ich.
(Brief an Schiller, 4.9.1795)
Hölderlin spricht nicht die Sprache seiner großen Zeitgenossen.
Um sich auszudrücken, benutzt er die Seelenempfindung der platonischen Philosophie.
Sie steht ihm näher als die Geistempfindung des deutschen Idealismus. Sie ist ihm von vornherein eigen, ruht auf dem Grund seiner Seele - und wartet wie Dornröschen auf den Kuß des Märchenprinzen, der auch wirklich kommt.
Als Märchenprinz handelt Susette Gontard aus Frankfurt, kaum älter als Hölderlin und ihrerseits in der Rolle eines schlafenden Dornröschens.
Nur ist ihre Rolle verständlicher als die Hölderlins, - auch dann, wenn man ihren Gemahl nicht so boshaft zeichnet, wie es der Herausgeber des Bändchens „Hölderlin und Diotima“ tut:
Siebzehnjährig folgte Susette 1786 dem zweiundzwanzigjährigen Jakob Gontard als Gattin nach Frankfurt. Es ist nicht anzunehmen, daß es sich dabei um eine Liebesheirat handelte. Von Jugend auf litt Herr Gontard unter nervösen Störungen, er schielte und war einäugig,
(...)Er war ein ausgezeichneter Geschäftsmann. (...)
Die Welt des Geistes- und Seelenlebens wird ihm nicht viel bedeutet haben, was sich auch in seinem Verhältnis zu den Kindern auswirkte.
(Ibel,S.9f)

Allein schon von seiten der Kindererziehung gibt der .Hofmeister Hölderlin Susette Gontard etwas, was sie von ihrem Mann nicht bekommen konnte.
Aber natürlich geht die Begegnung tiefer.
Es bleibt uns nichts übrig, als der seligste Glaube aneinander und an das allmächtige Wesen der Liebe, das uns ewig unsichtbar leiten und immer mehr und mehr verbinden wird. - Stille Ergebenheit! Vertrauen auf das Herz, auf den Sieg des Wahren und Besten, dem wir uns hingeben. Und wir könnten untergehen? ... Dann, ja dann müßte Alles aus dem Gleichgewichte kommen und die Welt in ein Chaos sich verwandeln, wenn nicht der nämliche Geist der Harmonie und Liebe sich erhielte, der auch uns erhält. Lebt er ewig in der Welt: warum, wie könnte er uns verlassen. (...) . O gewiß nicht, mein Bester! wir können nicht unglücklich werden, weil diese Seele in uns lebt. (Ibel, S. 210f)

Hören wir, was Hölderlin an Neuffer über seine Begegnung mit Susette Gontard schreibt:
Ich bin in einer neuen Welt. Ich konnte wohl sonst glauben, ich wisse, was schön und gut sei, aber seit ichs sehe, möchte ich lachen über all mein Wissen. Lieber Freund! Es gibt ein Wesen auf der Welt, wo mein Geist Jahrtausende verweilen kann und wird, und dann noch sehn, wie schülerhaft all unser Denken und Verstehn vor der Natur sich gegenüber findet. Lieblichkeit und Hoheit, und Ruh und Leben, und Geist und Gemüt und Gestalt ist ein seliges Eins in diesem Wesen. Du kannst mir glauben, auf mein Wort, daß selten so etwas geahndet und schwerlich wieder gefunden wird in dieser Welt. Du weißt ja, wie ich war, wie mir Gewöhnliches entleidet war, weißt ja, wie ich ohne Glauben lebte, wie ich so karg geworden war mit meinem Herzen, und darum so elend; konnt ich werden, wie ich jetzt bin, froh, wie ein Adler, wenn mir nicht dies, dies Eine erschienen wäre, und mir das Leben, das mir nichts mehr wert war, verjüngt, gestärkt, erheitert, verherrlicht hätte, mit seinem Frühlingslichte? Ich habe Augenblicke, wo all meine alten Sorgen mir so durchaus .töricht scheinen, so unbegreiflich, wie den Kindern. (Ibel, S. 167f)
Ich möchte diese Hohenlieder der Liebe unkommentiert stehen lassen. Stattdessen erlauben Sie mir, einen Aspekt weiterzuführen, den wir schon angesprochen haben und der uns tiefer in die Eigenart des Hölderlinschen Lebens hineinführen kann.
Wir haben gesehen, wie Hölderlin in einem gewissen Sinne unzeitgemäß ist, wie er zu platonischen Beschreibungen greift, um seiner Empfindung Ausdruck zu verleihen.
Dieselbe platonische Seelenempfindung finden wir bei Susette Gontard, wenn sie Liebe, Schönheit, Harmonie und Natur in einem Atemzug nennt, um das höchste Lebens- und Daseinsgefühl zu umschreiben.
An der Gleichheit ihrer Seelenempfindung, -wiederum ganz platonisch - erkennen sie sich als im Grunde ihrer Seele verwandt.
Es ist ein vergangenes Element, das sich in ihnen zu neuem Leben entzündet. Und dieses Vergangenheitselement ist für Hölderlins Leben charakteristisch. Ich kenne keinen Dichter außer.Hölderlin, dessen ganzes Streben so auf ein Vergangenheitsideal hingerichtet ist -und der dieses Vergangenheitsideal so sehnsüchtig in der Zukunft wieder erwartet. So paradox es klingen mag, der zeitlose Teil seines Wesens lebte in der Vergangenheit und in der Zukunft, nicht in der Gegenwart.
Es wäre sicherlich vermessen, auf diesem Hintergrunde eine bündige Brücke zur Tragik des Hölderlinschen Lebens schlagen zu wollen, aber die Frage darf vorsichtig berührt werden, ob zwischen dieser Seelenkonfiguration und dem Lebensschicksal Hölderlins nicht ein Zusammenhang bestehe.

Ich kann das Wort Zufall, welches ich geschrieben, nicht wieder aus dem Kopf bringen, es gefä1lt mir nicht, klingt so klein und kalt, und doch finde ich kein anderes. Könnte man nicht auch sagen, die geheime Verkettung der Dinge bildet für uns etwas, das wir Zufall nennen, was doch aber notwendig ist? Wir können wegen unserer Kurzsichtigkeit davon gar nichts vorher sehen und erstaunen, wenn es anders kommt, wie wir meinten. Doch gehen die ewigen Naturgesetze immer ihren Gang, sie sind uns unergründlich, und eben darum tröstlich, weil auch das uns noch geschehen kann, was wir nicht einmal ahndeten und entfernt hofften. (Ibel, S. 221)


Kennst du Minervas Kinder? sie wählten sich
Den Olbaum früh zum Lieblinge; kennst du sie?
Noch lebt, noch waltet der Athener
Seele, die sinnende, still bei Menschen ,

Wenn Platons frommer Garten auch schon nicht mehr
Am altert 'Strome grünt und der dürftge Mann
Die Heldenasche pflügt, und scheu der
Vogel der Nacht auf der Säule trauert.

O heilgerWald! o Attika! traf Er doch
Mit seinem furchtbarn Strahle dich auch, so bald,
Und eilten sie, die dich belebt, die
Flammen entbunden zum Aether über?

Doch, wie der Frühling, wandelt der Genius
Von Land zu Land. Und wir? ist denn Einer auch
Von unsern Jünglingen, der nicht ein
Ahnden, ein Rätsel der Brust, verschwiege ?
(...)
Nun! sei gegrüßt in deinem Adel, mein Vaterland,
Mit neuem Namen, reifeste Frucht der Zeit!
Du letzte und du erste aller
Musen, Urania, sei gegrüßt mir!

Noch säumst und schweigst du, sinnest ein freudig Werk,
Das von dir zeuge, sinnest ein neu Gebild,
Das einzig, wie du selber, das aus
Liebe geboren und gut, wie du, sei -

Dr. Werner Heil

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