Begrüßung beim Hölderlin-Abend am 16. November 1993

Liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Eltern, liebe
Kolleginnen und Kollegen, verehrte Anwesende, liebe Freunde Friedrich Hölderlins!

Im Sommer jährte sich der 150. Todestag des Nürtinger Bürgers, der in der zweiten Hälfte seines Lebens am liebsten mit „Scardanelli“ unterschrieb, nachdem ihm als Friedrich Hölderlin der Boden unter den Füßen wankte und er schließlich ins Bodenlose fiel.
Auf Grund des Jahrestages fanden in Nürtingen viele bedeutsame Veranstaltungen statt: Die internationale Hölderlin-Gesellschaft tagte hier, und auch die nationale und die internationale Presse und die Medien nahmen sich des Ereignisses an. Friedrich Hölderlin war - wie man so sagt - in aller Munde; auf Nürtingen fiel damit etwas von dem Glanze des größten Sohns der Stadt, der aber einer der ganz Unglücklichen war. Das Scheitern Friedrich Hölderlins und das Scheitern an ihm ist daher das Motto für unseren literarischen Abend.

Wir freuen uns, daß Sie, verehrte Anwesende, trotz der Fülle der Hölderlin-Veran- staltungen in diesem Jahr, in unsere Schule gekommen sind.

Ich begrüße Sie ganz herzlich im Namen des Schulleiters, Herrn OStD Kazenwadel, der wegen einer Tagung und ihres unsicheren Endes diese Veranstaltung nicht eröffnen wollte, jetzt aber eingetroffen ist.

Für alle anderen Ehrengäste möchte ich zwei Gäste namentlich begrüßen: Es freut uns ungemein, daß Frau Dr. Preis, die Schulleiterin des Hölderlin-Gymnasiums in den schwierigen Aufbaujahren der Schule, als unser Lehrerzimmer an der Neckarsteige wohl so un gefähr das Zimmer war, wo Friedrich Hölderlin seine Griechischvokabeln lernte, heute hier anwesend ist. Ich begrüße Herrn Abteilungsdirektor Olbert am OSCHA Stuttgart mit seiner Gattin. Ich begrüße Sie alle auch im Namen all derer, die an dieser Veranstaltung mitgewirkt haben - unserer Schülerinnen und Schüler und der Fachschaften Kunst und Deutsch.

Unser Gymnasium ist zwar als solches nur etwas über 20 Jahre alt, aber doch in irgendeiner Form neben dem Max-PlanckGymnasium eine Fortführung der alten Nürtinger Lateinschule. Damit besteht eine direkte Verbindung zu Friedrich Hölderlin; denn er besuchte sie von 1776-1784. Außerdem war das frühere Gebäude unserer Schule in der Neckargasse ursprünglich der Schweizerhof, in dem die Familie Hölderlins viele Jahre wohnte und in dem er seine Kindheit verbrachte.
Es gibt wohl wenige Schulen in Deutschland, die eine solch direkte Verbindung zu ihrem Namenspatron aufweisen, auch wenn das Gebäude der alten Lateinschule inzwischen anderen Zwecken dient und unsere Schule jetzt am Lerchenberg steht. Aus diesem Grunde sollten wir stolz darauf sein, daß wir nicht „Gymnasium am Lerchenberg“ heißen, sondern einen Namenspatron haben, der in vielen Ländern der Welt gelesen, beachtet, ja sogar geliebt wird. Ein Zeugnis dafür ist die kleine Ausstellung mit Übersetzungen Friedrich Hölderlins in andere Sprachen in gängigen Taschenbuchausgaben in der Vitrine am Treppenaufgang, die Sie vielleicht schon gesehen haben oder die Sie in der Pause besichtigen können. Die Übersetzungen dokumentieren, daß nach Goethe wohl Hölderlin - vielleicht zusammen mit Franz Kafka und Thomas Mann - die universellste Bedeutung im Bereich der deutschen Literatur zukommt.
Mein Dank als Deutschlehrer gilt den Kunsterziehern an unserer Schule, die trotz ihrer spärlich besessenen Unterrichtszeit deutlich gemacht haben, wie die Möglichkeiten des fächerübergreifenden Unterrichts sinnvoll genutzt werden können und die vielleicht durch das andere Medium unseren Schülern den Zugang zu Hölderlin eher ermöglicht haben als wir kopflastigen Germanisten. Unser ganz besonderer Dank gilt den Kunsterziehern der anderen Schulen, die sich im Rahmen der Bildenden Kunst mit Hölderlin auseinandergesetzt haben, und auch ihren Schulleitern, die die Aktion ermöglicht haben. Die Schulen sind unsere Schwesterschule in Nürtingen, das Max-Planck-Gymnasium, dann das ehrwürdige „Francisceum“ in Nürtingens Partnerstadt Zerbst in Sachsen-Anhalt (vor vier Jahren und acht Tagen wäre dies undenkbar gewesen), die Deutsche Schule Barcelona in einer der Partnerregionen Baden-Württembergs in Europa, in Katalonien, und das Henryk-Sienkiewiecz-Liceum in Malbork (früher Marienburg) in Polen. Die ungewöhnliche Ausstellung zu Werk und Person unseres Namenspatrons deutet
vielleicht neue Wege nationaler und europäischer Zusammenarbeit im schulischen Rahmen an. Daher möchte ich auch darauf hinweisen, daß im Rahmen dieses Hölderlin-Projekts das Gedicht „Hälfte des Lebens“ an der Deutschen Schule Helsinki erstmals ins Finnische und am Erkek Lisesi Istanbul ins Türkische übersetzt worden ist und „Der Winkel von Hardt“ an der DS Barcelona zum ersten Male ins Spanische.
Welch großartige interkulturelle Kooperation (so heißt das heute) durch unseren Namenspatron! Wie schön, daß an Nogat, Elbe, Neckar und Llobregat neue Kooperationsformen sichtbar werden, an die wir vor über vier Jahren nicht zu denken wagten.
Trotz des 150. Todestages von Friedrich Hölderlin in diesem Jahr soll unser heutiger Abend nicht nur eine 'Gedenkveranstaltung, sondern auch ein „Kennenlern-Fest“ sein.
Damit unterscheiden wir uns als Schule auch ganz deutlich von anderen Veranstaltern. Wir hoffen, daß wir Anregung für diejenigen bieten können, die Friedrich Hölderlin bislang nur vage kennen. Das gilt vor allem für viele unserer eigenen Schüler. Wissenden Hölderlin-Freunden im Auditorium sträuben sich wahrscheinlich die Haare beim Begriff „Kennenlern-Fest”, und sie werden sich fragen: Warum ist das in einem Hölderlin-Gymnasium in Baden-Württemberg nötig?
Ohne auf die Wege und Probleme der pädagogischen Vermittlung Hölderlins eingehen zu wollen, muß man daran erinnern, daß er -objektiv - wirklich zu den schwierigen Dichtern der Weltliteratur gehört.
Einmal sind es seine profunden Kenntnisse der Antike, die, in seinem Werk vorausgesetzt, heutiger Rezeption in der Schule im Wege stehen. Wenn wie in der Ode „Der Neckar“ vom „goldenen Paktol“ und von „Ilions Wald“ z.B. die Rede ist, evozieren diese Begriffe bei unseren Schülern eigentlich nichts mehr; sie können es auch nicht, da die Kenntnis des Lateinischen nur noch bei einer Klasse pro Jahrgangsstufe vorhanden und Griechisch überhaupt nicht mehr präsent ist. Was geschieht also, wenn die Verbindung zur Antike verloren geht, die über tausend Jahre die Dichter Europas herausforderte? Bewegen wir uns immer stärker sozusagen in eine Zeit wie die der „dunklen Jahrhunderte“ von 550 bis 750, als die Kenntnis der Antike völlig untergegangen zu sein schien und das Lämpchen der Kultur in Europa nur noch schwach flackerte? Befinden wir uns damit wirklich in der von Hölderlin so genannten „dürftigen Zeit“?

Noch etwas anderes: In „Der Neckar“ heißt es:
Auch möcht ich
Bei Sunium oft landen, den stummen Pfad
Nach deinen Säulen fragen, Olympion!
Dieses heiß ersehnte Sunium ist heute Prospekt- und Touristenwirklichkeit: „Cape Sunium“, und damit auch ein Ort, wo Tegtmeyer „dat allet der Omma über die alten Griechen“ erklären kann oder auch der Ort, in dessen Umkreis die jugendlichen Rucksacktouristen heutzutage den wie vor Jahrtausenden erhabenen Sonnenaufgang erwarten. Das ist ja auch ganz schön, lägen da nur nicht die gebrauchten Spritzen herum! -Wer also heute in Sunium landen möchte, kann das sofort tun, sofern er über Zeit und Geld verfügt. - Um Mißverständnisse zu vermeiden: Hölderlins Sunium wie auch der Neckar

mit seinen
Lieblichen Wiesen und Uferweiden

sind Landschaftselemente, die schon beim Dichter Konkretes übersteigen; dennoch läßt sich feststellen, daß der Prozeß der „Entzauberung“ für heutige Rezipienten fortgeschritten ist und die Dürftigkeit der Zeit auch dadurch zugenommen hat.

Ich möchte auf eine weitere Schwierigkeit im Umgang mit Friedrich Hölderlin an den Schulen eingehen: Die reduzierte Stundenanzahl für das Fach Deutsch und bestimmte Organisationsformen unseres Schulwesens, wie z. B. die Sternchenthemen, machen eine gründlichere Auseinandersetzung mit ihm nicht gerade einfach. Und falls das 13. Schuljahr abgeschafft werden sollte, ist zu befürchten, daß er - neben anderen Klassikern -gänzlich aus dem Gesichtskreis der kommenden Schülergenerationen verschwinden wird.
Hölderlin also nur noch für die Hochschulgermanistik und esoterische Zirkel und Liebhaber?
Scheitern wir dann nicht endgültig an Friedrich Hölderlin? Ist er dann endgültig sozusagen obsolet geworden, obwohl das Gedicht „Der Winkel von Hardt“ ironischerweise wohl heute schon den Ulrichstein überlebt hat, dessen feste Felsen auf dem Knollenmergel wanken?
Vielleicht können wir in den kommenden Minuten zeigen, daß dies nicht notwendigerweise eintreten muß - oder darf; und damit wollen wir uns dem Dichter selbst direkt zuwenden und zunächst sein Leben revueartig an uns vorüberziehen lassen.

Wolfgang Winter

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