Versuch mit Stein
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Hier ein gänzlich anderes Beispiel einer Kurzgeschichte... eine Kurzgeschichte? Sind alle Regeln eingehalten worden? Und wenn ja, überzeugt euch die Einhaltung der Regeln? Bitte nehmt in der "Diskussion" hierzu Stellung.
Unbekannter Autor
Versuch mit Stein
Man frage mich, der ich den Kieselstein aus dem Gehweg vor dem Schulgebäude in den Mund nahm, nicht, warum ich es tat. Andere nutzen derartige Objekte nur als Handschmeichler, ich wollte wohl die Textur des Steins auf den Zähnen und der Zunge spüren, die zunächst kühle, bald jedoch meine Körperwärme speichernde, poröse und doch harte, metallen schmeckende Glätte, um die sich meine Zunge schmiegte, die Zähne jedoch klirrend und knirschend ablehnte. Vom Mund wanderte dieser schöne Kiesel in meine Hosentasche, aus dem ich ihn nur nahm, um ihn mir genauer zu besehen, mit verliebtem, vergötterndem Blick, sein dunkles Material betrachtend, das an wenigen Stellen durch das Hin und Her im Kiesbett des Gehweges weiß gescheuert war. In den nächsten Wochen, Monaten und bald auch Jahren behielt ich den Kiesel in all meinen Hosen und rieb an ihm, wo immer ich stand, mich befand, saß, etwas aß oder etwas sagte.
Eines Tages, der Kiesel war vom Streicheln bereits sehr glatt und glänzend poliert, griff ich wieder in die Tasche. Diesmal aber gab meine Berührung einen klirrenden Klang von sich, ganz anders als dieses weiche Reiben von Haut auf Stein, das ich gewohnt war, und es fehlte mir der Eindruck, den der Kiesel in meinen Fingern verursachte, sie klirrten gegen die harte polierte Oberfläche, die in meiner Hosentasche hin und herrollte, und knirschten, als sie über den Kiesel strichen; bleiern zog ich meine verhärtete Hand heraus, wollte sie mir ansehen, doch mein Blick versteinerte und mein Ohr vernahm nur noch das Geklicker des Kiesbetts als ich hineinfiel.
Lange lag er da, dieser glatte, längliche Kiesel, weißlich mit wenigen dunklen Einsprengseln, kühl. Nun bist du gekommen und hast ihn aus meinem Bett gehoben und lange betrachtet. Du drehst dich um, schaust, ob du beobachtest wirst. Wirst du ihn mitnehmen, ihn sogar – heimlich – in den Mund nehmen?
--hineingestellt von Kiewert 15:19, 28. Feb 2010 (CET) | zurück zum BeAchtE!-Projekt - zurück zum Projekt "Das Ding"
