Schiller08/SzenenanalyseIV,5
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Szenenausschnitt Akt IV, Szene 5, S.93-96 (ohne Lautenlied)
I. Basissatz:
Autor, Titel, Textsorte, Entstehungszeit, Thematik
II. Was ging voraus?
In Akt IV kehrt der Räuberhauptmann Karl Moor wieder ins väterliche Schloss zurück, das er seit seiner Jugend nicht mehr gesehen hat. Die Rückkehr wird ausgelöst durch das Auftreten des Grafen Kosinsky. Dieser stößt aus Enttäuschung über eine gescheiterte Liebesbeziehung zu der Räuberbande (III,2), seine Geschichte löst in Karl Moor die Sehnsucht nach der eigenen Geliebten, Amalia, aus. Diese will er wiedersehen, wohingegen seine Räuberbande mehr ans „Anzünden“ (S.75) denkt.
Im väterlichen Schloss begegnet er dann tatsächlich seiner Amalia, gibt sich ihr aber nicht zu erkennen, da sie ein sehr anderes, idealisiertes Bild von ihm in Erinnerung hat und nichts von seiner verbrecherischen Existenz zu wissen scheint (IV,4). Er ist nach dieser Begegnung schwermütig und ratlos.
III. Szenenanalyse
Ort und Zeit: Die Handlung des zu analysierenden Szenenausschnitts spielt sich im Wald ab zu nächtlicher Stunde. Ort und Tageszeit symbolisieren Düsternis, schaurige Einsamkeit, eine Ort ohne Recht und Ordnung - eine Gegenwelt also zur von Karl erinnerten Welt des väterlichen Schlosses und der Jugendheimat.
Situation und Kurzinhalt: In Abwesenheit des Hauptmanns erheben sich Zweifel über dessen rechte Räubergesinnung (Schweizer: “Wir dörfen nicht rauben“, S.92), so dass Spiegelberg den Versuch unternimmt, die Stimmung gegen Karl auszunutzen und zu dessen Beseitigung anzustacheln. Die alte Rivalität bricht hier wieder auf, doch der getreue Schweizer ersticht Spiegelberg daraufhin. Der nun hinzukommende Karl Moor, gerade noch bei Amalia gewesen, nimmt diese Tat Schweizers als Zeichen des Schicksals und seiner ausweglosen Lage und erwägt daraufhin in einem längeren Monolog seinen Selbstmord, den er dann aber nicht ausführt.
Textanalyse: Der Szenenausschnitt beginnt mit einem Dialog, in dem Schweizer dem ankommenden Moor seine Tat berichtet und von seinem Hauptmann eine positive Würdigung erwartet: „Sei der Richter ...“ (93,31). Diese bekommt er aber nicht, da Karl in diesem Augenblick der Schwermut und Ratlosigkeit ganz andere Gedanken im Kopf hat. Während Schweizer in dieser Situation die Tötung Spiegelbergs als Akt der Loyalität versteht, sieht Karl darin das Wirken höherer Mächte ( „rachekundige Nemesis“) und einen Wink des Himmels, beides Ausdruck einer ihn erfassenden Untergangsstimmung („mein Herbst“, 93,42). In dieser depressiven Verfassung (“ich habe mich selbst verloren“, 94/5) ist er nicht mehr in der Lage, seiner Rolle als Hauptmann gerecht zu werden (“Gib uns Ordre!“ ) und sucht die mitternächtliche Einsamkeit, um mit sich selbst ins Reine zu kommen, oder - wie er es sagt - den „schlafenden Genius“(94,10) zu wecken.
Das in dieser Stimmung und an diesem Ort geführte Selbstgespräch ist zunächst geprägt von der äußeren Situation (“alles so finster“, 95/33), die er auf sich und seiner innere Verfasstheit bezieht: „kein leitendes Gestirn“ (95/34). Er ist orientierungslos, dies lassen auch die drei Fragesätze erkennen, in denen er überlegt, wozu er noch weiter vergeblich nach Verwirklichung seiner „Glückseligkeit“ streben soll, wenn er sein Leben mit einem einfachen Pistolenschuss beenden könnte.
Diese Pistole, die er in der Hand hält (nicht mehr die Laute!), begleitet nun seinen Monolog und strukturiert ihn gewissermaßen: „die Pistole vors Gesicht haltend ... Er setzt die Pistole an ... Er lädt die Pistole“ (95f), schließlich lässt er sie fallen.
In einem ersten Gedankengang wird er des Widerspruchs gewahr, der zwischen der „göttlichen Harmonie“ in der Natur und seinem eigenen Zustand besteht. Die „Geister“ der von ihm Ermordeten verfolgen ihn und obwohl er behauptet, nicht zu zittern, tut er dies „heftig“, wie Schillers Regieanweisung vorgibt.
In dem nachfolgenden Gedankengang geht Karl Moor der Frage nach, wohin in das Schicksal (“Zeit und Ewigkeit“), wohin der Tode (“grauser Schlüssel“, Z.15) ihn führen will. Er aber will sich nicht führenlassen, er ist sich selbst „Himmel“ und „Hölle“ (Z.25/26). Und in einem weiteren Gedankengang durchläuft er Szenarien, die Tod und „namenloses Jenseits“ (Z.23) für ihn bereithalten mögen: „eingeäscherter Weltkreis“, „ewige Wüste“, „Schauplätze des Elends“ (Z.28ff). Entscheidend für ihn ist es, sich die Souveränität des Handelns zu bewahren, eine freie Entscheidung zu treffen und diese verwirklicht sich darin, dass er sich die „Freiheit“ nimmt, selbst über sein Leben und dessen Ende zu bestimmen - also sich hier und jetzt zu erschießen (Z.34).
Doch seine Freiheit, sein Selbstbestimmungswillen kennt noch eine weitere Ausdrucksmöglichkeit: den „Stolz“ (Z.42). Dieser verbietet es ihm, sich auf diese Weise aus dem Staub zu machen, als das „Elend“ über ihn triumphieren zu lassen, er wirft die Pistole weg und stellt sich der Verantwortung: „Ich will’s vollenden.“ (Z.42) sind die letzten Worte seines Monologes.
Sprache: Wie schwer Karl Moor dieser Entschluss fiel, ist auch an seiner Sprache ablesbar. Moors Sprechweise ist gekennzeichnet von Halbsätzen, Gedankenstrichen, Interjektionen und Wiederholungen. In immer neuen Reihungen bildhafter Ausdrücke versucht er das Unfassbare, das Grauen zu bannen: „banges Sterbegewinsel ... schwarz gewürgtes Gesicht ... fürchterlich klaffende Wunden“ (Z.6f). Fragen gewinnen durch Wiederholung an Eindringlichkeit (“sage mir - o sage mir - wohin, wohin ...“, Z.17f); der Wille, den Schicksalsmächten zu widerstehen, wird durch ein doppeltes „Nein!“ (Z.22) bekräftigt. Das Jenseits mit seinen Schrecken und Höllenqualen wird personifiziert und mehrfach als „du“ angesprochen. Dies ermöglicht dem Sprecher in eine direkte Konfrontation mit dem Unfassbaren, Abstrakten zu treten und sich dagegen - wie ein „Mann“ (Z.22) - zu behaupten.
Zusammenfassung: Karl Moor hat also eine Entscheidung getroffen, nämlich die, nicht aus dem Leben zu scheiden, sondern seinen Weg zu Ende zu gehen. Damit erweist er sich als souveräner, verantwortlich und aus eigenem Antrieb handelnder Mensch - anders als seine bisherigen Handlungen es waren. Wohin dieser Weg allerdings gehen soll, ist in dieser Situation noch nicht erkennbar, der Weg wird durch die weiteren Ereignisse bestimmt werden.
IV. Was folgt daraus?
Das Auftauchen Hermanns und des totgeglaubten Grafen von Moor eröffnet einen Weg, den Karl Moor im Weiteren meint gehen zu müssen. Er erfährt, dass der geliebte Vater noch lebt und welches Leid ihm durch den Bruder zugefügt wurde, er setzt nun seine Räuberbande und insbesondere den ihm treu bis in den Tod ergebenen Schweizer als Instrument seiner persönlichen Rache ein: „Räche meinen Vater!“(S.101). In Akt V geschieht dies allerdings anders als gedacht: Franz tötet sich auf eine höchst unheroische Weise selbst, bevor Schweizer sein Geschäft der Rache an ihm ausüben kann (V,1). Die Räuberbande fordert von Karl die Einhaltung seines Treueschwurs ein und bringen ihn damit in eine ausweglose Lage, in der er schließlich seine geliebte Amalia tötet und sich selbst an die Obrigkeit ausliefert (V,2). In dieser Selbstauslieferung stellt ein zweites und letztes Mal seine Handlungsfähigkeit unter Beweis: Anstatt den schon einmal angedachten Ausweg in den Tod zu wählen, versteht er seine Entscheidung als Opfer, um die - von ihm - „ beleidigte(n) Gesetze versöhnen und die misshandelte Ordnung wiederum heilen“ zu können (S.120, Z. 12f)
V. Weitere Einordnungen (optional)
- Biografisch: Schillers Drama als Jugendwerk, entstanden aus jugendlicher Empörung über die eigene Eingezwängtheit
- Literaturgeschichtlich: Karl Moor eine typische Figuren des Sturm und Drang
- Wirkungsgeschichtlich ...
- Persönliche Einschätzung, Aktualität, Nähe und Ferne
Verantwortlich: --K. Dautel 15:00, 13. Mär 2008 (CET)
