Schiller08/Recht und Gerechtigkeit

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„Die Räuber“ und das Motiv der Gerechtigkeit, Recht und Rache

Inhaltsverzeichnis

Karl Moor

In den „Räubern“ handelt Karl von Moor unrechtmäßig, da er sich ungerecht behandelt fühlt.

Er empfindet verschiedene Arten von ungerechter Behandlung.

Den ersten Verstoß gegen sein Gerechtigkeitsempfinden muss Karl Moor mit der Nachricht Franzens über seine Verbannung, bereits im 1 Akt, Szene2 hinnehmen („…- aber wenn Blutliebe zur Verräterin, wenn Vaterliebe zur Megäre wird, o so fange Feuer, männliche Gelassenheit, verwilde zum Tiger, …“ (S.26 Z.20 ff.).

In der zweiten Szene des ersten Aktes rebelliert Karl von Moor (wie auch Spiegelberg) gegen die Verstandesorientierung und Tatenlosigkeit der Gelehrten seiner Zeit („Kerls, die in Ohnmacht fallen wenn sie einen Buben gemacht haben, kritteln über die Taktik des Hannibals…“ S.16 Z.7 ff.).

Karl Moor strebt soziale Gerechtigkeit an, im Zuge dessen verstößt er des Öfteren gegen das bestehende zivile Recht. („…er mordet nicht um des Raubes Willen, wie wir – nachdem Geld schien er nicht mehr zu fragen, sobald er’s vollauf haben konnte, und selbst sein Drittteil an der Beute, das ihn von Rechts wegen trifft, verschenkt er an Waisenkinder, oder lässt damit arme Jungen von Hoffnung studieren.“ S.50 Z.23 ff.)

Im letzten Akt, letzte Szene des Dramas wird deutlich, dass Karl Moor von einem höheren Verständnis von Gerechtigkeit geleitet wird. Er glaubt, dass die von ihm gestörte „weltliche Harmonie“ noch vor seinem Tode wiederhergestellt werden muss („Meint ihr wohl gar, eine Todsünde werde das Äquivalent gegen Todsünde sein, meint ihr, die Harmonie der Welt werde durch diesen gottlosen Misslaut gewinnen?“ S. 120 Z. 19ff.)


Franz Moor

Franz’ amoralisches Denken und Handeln ist auf die Grundsätze der Aufklärung zurückzuführen. Das ist zum einen die Berufung auf den eigenen Verstand und zum anderen das Loslösen von Autoritäten.

  • Das Rechtsgefühl von Franz Moor entfaltet sich zunächst aus dem Erleben von Unrechtem. Er empfindet die geltenden Normen und Regeln der Rechtsordnung als ungerecht. Hierzu zählt vor allem das Erstgeborenenrecht, das Karl zusteht.
  • Ungerecht für ihn ist auch das Handeln seines Vaters (II, 2), der trotz der angeblichen Enttäuschung von Karl immer noch an seinen Sohn glaubt.
  • Zudem sieht er sich als Opfer der Natur, die daran Schuld trägt, dass er durch seine Hässlichkeit keine Chance hat, eine Frau, wie Amalia, zu erobern.

Diese drei für ihn schwerwiegenden Nachteile versucht Franz mit Gewalt und Intrigen zu lösen. Aus diesem Grund definiert er für sich den Willen der Natur um: Alle Menschen sind gleich, der Stärkere und Erfindungsreichere hat recht (I, 1).

Aus diesem neu definierten Grundsatz leitet er die Berechtigung zur Rache und zum Selbsthelfertum ab, er nimmt sein Schicksal - auf seine Weise - selbst in die Hand.

PASTOR MOSER V, 1 (S. 107 Z.10 ff)

Pastor Moser legt seinen Begriff der Gerechtigkeit einer höheren Instanz zu Grunde, daher ist die Existenz von Gott selbstverständlich. Für ihn ist Gott der Richter, der alleine über Recht und Gerechtigkeit entscheidet („Der Gedanke GOTT weckt einen fürchterlichen Nachbar auf, sein Name heißt RICHTER.“, S. 109 f). Er ist auch davon überzeugt, dass das jüngste Gericht die fehlende Gerechtigkeit auf Erden herstellen wird („Aber was hier zeitliches Leiden war, wird dort ewiger Triumph, was hier endlicher Triumph war, wird dort ewige, unendliche Verzweiflung.“, S.109 Z. 26 f). Jedoch werden die Nichtgläubigen nicht von dem jüngsten Gericht verschont („Ich habe wohl mehr solche Elende gesehn, die bis hierher der Wahrheit Riesentrotz boten, aber im Tode selbst flattert die Täuschung dahin.“ , S. 108 Z.37 f), das heißt, auch Franz muss sich dem jüngsten Gericht stellen.


Pater 2. Akt, Szene 3 Auftritt Pater (S.58ff)

In der dritten Szene des 2. Aktes sind die Räuber von Böhmischen Reitern umzingelt, nachdem die Räuber, bei der Befreiung Rollers, eine Stadt nieder brannten. Die Obrigkeit schickt den Pater als Vertreter und Vermittler, um Karl zur Aufgabe zu zwingen. Karl geht jedoch nicht auf das Angebot des Paters ein. Daraufhin versucht dieser Karls Räuberbande zu Auslieferung zu bewegen, indem er ihnen verspricht ihre Schandtaten zu vergeben. Die Räuber ziehen allerdings den Heldentod vor.

Der Pater, als Gesandter der Obrigkeit, verkörpert deren Anspruch auf alleinige Gerichtsbarkeit. Im Laufe des Gespräches mit dem Pater bringt Karl seine Kirchenkritik zum Ausdruck. Es stellt sich allerdings die Frage, warum die Obrigkeit nur Interesse an Karl hat und für ihn die Freilassung der gesamten Bande in Kauf nehmen würde? Diese Tatsache lässt sich durch das damalige Rechtsempfinden erklären: Karl steht repräsentativ für alle Untaten der Räuberbande und soll stellvertretend, als Sühneopfer, in einem öffentlichen Läuterungsakt bestraft werden.

Was ist recht und gerecht? Aus dem Blickwinkel von

Vater Moor

Graf Maximilian v. Moor verkörpert die Güte und die Gerechtigkeit gegenüber den Untergebenen und Hilfsbedürftigen. Dies erkennt man in der zweiten Szene des zweiten Aktes, als der maskierte Hermann Einlass erbittet, die er ihm ohne Zögern gewährt (vgl. S.39, Z.32-35). Später wird auch die Güte und Gerechtigkeit in Franz Monolog verdeutlicht, in dem Franz andeutet, dass er im Gegensatz zu seinem Vater sehr streng sein wird (vgl. S.45, Z.27-29). Graf v. Moor zeigt des Weiteren die Bereitschaft zum Vergeben und der Gnade. Er vergibt Franz seine Taten und gibt sich selbst die Schuld für Franz’ Tod (vgl. S.113, Z.3; 11f). Weiterhin leidet er sehr darunter, dass er Karl verstoßen hat und wünscht sich, dass dieser ihm vergeben könnte (vgl. S.113, Z.20f).

Amalia

Amalia steht für die reine, absolute und hingebungsvolle Liebe in Verbindung mit ewiger Treue. Belegstellen dafür sind zum Einen die Begegnung und das Gespräch mit dem verkleideten Karl, für den sie starke Gefühle entwickelt, diese jedoch aus Treue zu Karl unterdrückt. Dies wird durch ein Monolog verdeutlicht (vgl.S.88). Zum Anderen lässt sich die absolute reine Liebe daran erkennen, dass sie jeglichen Luxus aufgeben würde, um wieder mit Karl vereint zu sein (vgl. S.32, Z.22-33). Zudem vergibt sie Karl alle begangenen Gräueltaten und zieht den Tod einem Leben ohne Karl vor (vgl. V,2).

Zusammenfassend ...

Schillers Räuber und der „Sturm und Drang“

Schillers Räuber kann man zu Recht als Paradebeispiel des Sturm und Drang bezeichnen.

Eine Vielzahl formeller wie auch inhaltlicher Normen werden missachtet und lassen das Drama zu einer vielschichtigen und tiefgründigen Gesellschaftskritik werden.

  1. Die Verstandbetontheit und Gefühlsfeindlichkeit der Gesellschaft werden verachtet und die Protagonisten handeln im Sinne dieser Abneigung gegen die Einkerkerung der Emotionen. Dies wird zum Beispiel in Akt IV, Szene 1 ersichtlich, während Karl in einem Monolog seine Gefühlswelt in Gegenwart Kosinskys zum Ausdruck bringt. Er vermischt diese Gefühlsausbrüche mit seinen für ihn himmlischen Kindheits-und Jünglingsträumen. („… hier dein Knabenleben in Amalias blühenden Kindern zum zweiten Mal leben…“ [S.76,Z.24]). Der vor Verachtung gegenüber dem „tintenklecksenden Säkulum“ triefende Dialog zwischen Karl und Spiegelberg [Akt I, 2] demonstriert überdeutlich den Hass auf gesellschaftliche Werte und Normen.
  2. Die herrschenden Persönlichkeiten und die intellektuelle Elite dieser Zeit werden degradiert und es wird auf ihre Fehler und Schwächen hingewiesen („… ein schwindsüchtiger Professor hält sich bei jedem Wort ein Fläschchen Salmiakgeist vor die Nase und liest ein Kollegium über die Kraft.“ [S.16,Z. 5-7])
  3. Verstärkend kommt hinzu, dass man sich seiner Emotion und starken Gefühlsregung nicht mehr schämt und sogar öffentlich zur Schau stellt. [Akt III,2 und Akt IV, 5]
  4. Zudem wird das sich Hinwegsetzen über gesellschaftliche Schranken als Verdienst gesehen und Individuen, die ihre eigenen Gesetzte und ihre eigene Moral kreieren, werden als Genies verehrt. Diese so genannten Originalgenies, wie zum Beispiel Karl und Spiegelberg sie verkörpern, sind aus der Gesellschaft ausgetreten und leben ihre selbst entworfenen Vorstellungen von Freiheit
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