Schiller06/Vermischtes

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Die Schaubühne - eine moralische Anstalt! Warum?

Friedrich Schiller liest bei einer öffentlichen Sitzung der kurpfälzischen „Deutschen Gesellschaft" die Abhandlung: „Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet", in der er sich die Leitfrage stellt: „Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich bewirken?"

Schiller gibt dem Theater die Aufgabe, den Menschen zur vollen Humanität auszubilden. Die Theaterbühne soll den Menschen zum rechten Handeln bewegen.

Der Wirkungskreis der Bühne/Die Funktionen des Theaters:

Zeile 1-20: „So gewiß sichtbare Darstellung mächtiger wirkt als toter Buchstab und kalte Erzählung, so gewiß wirkt die Schaubühne tiefer und dauernder als Moral und Gesetze" (Zeile 16ff.)

Die ganze Hoffnung auf Gerechtigkeit wird in das Theater gesetzt, denn die Schaubühne übernimmt „Schwert und Waage und reißt Laster vor einen schrecklichen Richterstuhl" (Zeile 5ff.). Das Theater holt nachträglich die Gerechtigkeit nach, welche es in der Geschichte nicht gab; somit fungiert es als die Fortsetzung weltlicher Gerichtsbarkeiten.

Zeile 21-31: Die Bühne straft Laster und empfiehlt Tugenden. „Hier begleitet sie die Weisheit und die Religion. Aus dieser reinen Quelle schöpft sie ihre Lehren und Muster und kleidet die strenge Pflicht in ein reizendes, lockendes Gewand" (Zeile 23ff.)

Das Theater sorgt für ein moralisches Grundempfinden und lehrt den Menschen, was sich schickt und was nicht.

Zeile 31-64: „Die Schaubühne allein kann unsere Schwächen belachen, weil sie unsere Empfindlichkeit schont und den schuldigen Toren nicht wissen will" (Zeile 60ff.)

Die Bühne hält dem Dummkopf (dem Tor) durch Scherz und Satire den Spiegel vor, so wird dieser erwähnt und sanft ermahnt. Er kann sich mit Milde erkennen, nicht mit Schrecken.

Zeile 65-85: „Die Schaubühne ist mehr als eine Schule der praktischen Weisheit, ein Wegweiser durch das bürgerliche Leben, ein unfehlbarer Schlüssel zu den geheimsten Zugängen der menschlichen Seele" (Zeile 66ff.)

Mit Lasterhaften und Toren muss man leben - jeder auf seine Art. Da man diese von der Schaubühne kennt, weiß man, wie man mit ihnen umgehen muss, sollte man auf solche treffen. Die Bühne verhilft zu einer Weltweisheit und macht den Menschen durch ein moralisches Orientierungssystem klüger.

Zeile 85-100: „Die Schaubühne führt uns eine wonnigfaltige Szene menschlicher Leiden vor. Sie zieht uns künstlerisch in fremde Bedrängnisse und belohnt uns das augenblickliche Leiden mit wolllüstigen Tränen und einem herrlichen Zuwachs an Mut und Erfahrung" (Zeile 94ff.)

Das Theater macht den Menschen auf Schicksale anderer aufmerksam und lehrt ihn gleichzeitig, sein eigenes mit Würde zu tragen.

Zeile 100-110:

Die Bühne macht Menschen mit Menschen bekannt; sie lehrt, gerechter gegen den Unglücklichen und den anders Denkenden zu sein und nachsichtsvoller über ihn zu richten. Menschlichkeit und Duldung werden zu dem herrschenden Geist unserer Zeit.

Zusammenfassend stellt Schiller drei Behauptungen auf:

  1. Eine Schaubühne ist eine moralische Anstalt und Schule der praktischen Weisheit
  2. Eine Schaubühne ist eine gesellschaftspolitische Anstalt und Instrument der Aufklärng
  3. Eine Schaubühne ist eine ästhetische Anstalt

Quellen:


Eine Einleitung zu Schillers Drama

Das Bürgerliche Trauerspiel "Kabale und Liebe" von Friedrich Schiller behandelt die Problematik der Standesgrenzen und den Konflikt zwischen familiärer Pflicht und freier Liebe. Typisch für die Dramaturgie des "Sturm und Drang" ist der Bruch der bisher existierenden dramaturgischen Normen, wie z.B. die Ständeklausel. Dem entspricht auch Schillers Drama, in dem er zum ersten Mal das Handeln im bürgerlichen Familien-Milieu tragisch wirken lässt. Ebenso zielt der Inhalt dieser Tragödie auf Kritik an der damaligen Gesellschaftsordnung ab. (Kolja)

Schillers Titel-Wahl: 'Luise Millerin' oder 'Kabale und Liebe'?

Es ist verständlich, dass Schiller sein Trauerspiel ursprünglich "Luise Millerin" nennen wollte, denn sie ist die Hauptperson in seinem Stück. Luise Millerin steht im Konflikt zwischen der großen Liebe und den drei wesentlichen Problempunkten Familie, ständische Stellung und Moral. Sie ist Dreh- und Angelpunkt des Dramas und kommt mit jedem der anderen Hauptakteure in Kontakt. Dennoch änderte Schiller den Titel seines Dramas in "Kabale und Liebe". Dies verdankte er dem Mannheimer Theaterdichter und Schauspieler August Iffland, der diesen Titel publikumswirksamer fand. (Laura)

Standesehre und Frauenehre

Heinz Schlaffer - ehemals Professor an der Uni Stuttgart - weist in seinem Buch "Der Bürger als Held" (Suhrkamp 1973) auf die Bedeutung der Frauenehre für die Auseinandersetzung des Bürgertums mit dem Adel hin:

"Noch der bürgerlichen Agitation kommt dabei die Existenz einer zweiten Ehre zustatten, einer nichtständischen, allgemeinen: die Ehre der Frau. [...] Die Verletzung dieser Ehre ist literarisch im Motiv der 'verführten Unschuld' tradiert. [...] Da unterm Schutz der Ehre auch die Frau niederen Standes steht, ist ihre soziale Gruppe zum Kampf gegen die Herrschaft verpflichtet, wenn sie jener Ehre zu nahe getreten sein sollte. [...] Die revolutionäre Intention dieses Motivs wird in Emilia Galotti und Luise Millerin wieder aufgenommen. Um die weibliche Hauptperson gruppiert, stehen sich Aristokratie und Bürgertum als Ehrverletzer und Ehrverletzte gegenüber. Formal ist damit der bürgerlichen Dramatik der Anschluss an die Tragödienkonvention gelungen: der Auftritt hoher Personen." (S.122/3) -- K. Dautel

Der Zentralkonflikt: Pflicht oder Liebe

Der innere Konflikt Luises wird durch das Aufeinandertreffen zwischen der ehrlich empfundenen Liebe zu Ferdinand und dem Pflichtbewusstsein ihrem Vater gegenüber bestimmt.

Luise wuchs in der Geborgenheit ihrer Familie auf und ist deshalb mit ihrem Vater und ihrer Mutter sehr stark verbunden. Ihr vom christlichen Glauben bestimmtes Denken ist auf Ehrbarkeit ausgerichtet und richtet sich gegen das unmoralische Leben am Hof. Allerdings bringt die Begegnung mit Ferdinand ihre Vorstellungen von Moral und Konventionen aus dem Gleichgewicht. Sie empfindet für Ferdinand tiefgreifende und ehrlich empfundene Liebe. Allerdings weist der Musicus Miller seine Tochter auf die Standesgrenzen, die gesellschaftlichen Normen und der damit verbundenen Unmöglichkeit dieser Beziehung hin. Ihr innerer Konflikt wird durch die Liebe zu Ferdinand, der Erwartungshaltung ihres Vaters und ihrer religiösen Überzeugung bestimmt. In der vierten Szene des dritten Aktes verweigert Luise, wegen der Bindung an ihren Vater, den Fluchtplans Ferdinands. Dadurch ruft sie völlig unbegründete Eifersucht bei ihrem Geliebten hervor, da Ferdinand eine andere Vorstellung von Liebe und Vaterpflicht hat. Ferdinands Besitzanspruch und seine absolute Liebe zu Luise führen schon früh im Stück zu seiner unbegründeten Eifersucht auf Luise. Luise fühlt zudem eine Verpflichtung gegenüber ihrem Vater, den sie in der größten Not nicht im Stich lassen will: Sie lässt sich einen Brief an einen vermeintlichen Liebhaber diktieren, um Ihren Vater vor einem Kriminalprozess zu retten. In dieser Szene stellt Schiller Luise als handelnden Charakter dar, der bereit ist, Verantwortung und Entscheidung auf sich zu nehmen und auch die persönlichen Folgen und Konsequenzen zu tragen. (Torben)

Absoluter Liebesanspruch

Rüdiger Safranskis SCHILLER oder die Erfindung des deutschen Idealismus (Hanser Verlag 2004) enthält einige sehr gehaltvolle und nützliche Seiten zu Kabale und Liebe.

"Kabale und Liebe ... ist gewiss ein Drama über Fürstenwillkür und Standesdünkel; aber mehr noch über die Tyrannei des Absolutismus der Liebe. Ferdinand wird zum Mörder an Luise, nachdem er doch zu Beginn des Stückes enthusiastisch sein säkularisiertes Liebesevangelium verkündet hat (...) Ferdinand ... ist ein zarter Wüstling seiner Liebesmystik, für den die übrige Welt verbrennt in jenem Augenblick, wenn die Seelen miteinander verschmelzen. Er bricht die Brücken zu Welt hinter sich ab und kann zum Mörder werden, wenn es etwas gibt, das diese Verschmelzung hindert." (S.178)

Mit dem Begriff "Absolutismus der Liebe" arbeitet Safranski der Idealisierung des jugendlichen Helden Ferdinand von Walter entgegen: Er ist auch ein Tyrann, aber eben ein Empfindsamkeits-Tyrann, und nicht das Idealbild des Liebenden, der die "Andersheit des Anderen" (s.o.) auszuhalten vermag.

Die arme Luise wäre folglich doppelt Opfer: Opfer von Standesdünkel und Hofintrige (Präsident) und Opfer der Tyrannei ihres pflichtvergessenen, liebesbesessenen Liebhabers (des Präsidenten Sohn). --K. Dautel

Zur Vater-Tochter-Beziehung

in Patriarchalischen Strukturen

"...Miller kennt nur eine Sorge, dass Luise ihren guten Namen verlieren könnte. ... Es geht dem Vater nicht ausschließlich um ein moralisches Prinzip; schließlich steht mit Luises Zukunft auch die eigene zur Diskussion und eine gesicherte gemeinsame Zukunft kann sich Miller nur mit einem "Wackern ehrbaren Schiegersohn" (I,1) vorstellen. Luise erfährt die christlichen Wert- und Moralvorstellungen des Vaters, auch wenn sie sie innerlich voll akzeptiert, als Verpflichtung und Zwang. (...) Es ist insbesondere diese patriarchalische Struktur, die die Familie des Bürgerlichen Trauerspiels immer wieder ins Zwielicht rückt. Es zeigt sich, dass auch in diese Welt der Zurückgezogenheit und der festen sittlich-moralischen Grundsätze Autoritätsstrukturen hineinreichen, wie sie das absolutistische System im Ganzen bestimmen."

Aus: Geschichte der deutschen Literatur - Aufklärung und Sturm und Drang - Klett Verlag 1987 S.65 --K. Dautel



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