Schiller06/Protokoll9
Aus HöGyWiki
Protokoll der Deutsch-Stunden vom 12.12.-13.12.2006
Thema: Szenenanalyse exemplarisch am Beispiel Kabale und Liebe, 3.Akt, 4.Szene
Verlauf:
Inhaltsverzeichnis |
EINLEITUNG
Basis-Informationen:
Das bürgerliche Trauerspiel „Kabale und Liebe“ von Friedrich Schiller behandelt die Thematik der Standesgrenzen und der freien Liebe. In der Zeit des Sturm und Drang bricht der Autor die bisher existierenden dramatischen Normen, indem er zum ersten Mal das Handeln in der bürgerlichen Welt tragisch wirken lässt. Ebenso zielt der Inhalt dieser Tragödie auf Kritik an der damaligen Gesellschaftsordnung ab.
HINLEITUNG
Entwicklungslinien:
Der zu analysierenden Szene gehen weitgreifende Ereignisse voraus. Im Mittelpunkt der Handlung steht eine verbotene Liebe zwischen der bürgerlichen Luise und dem adligen Ferdinand. Anfangs existiert diese Liebe nur im Geheimen/Verborgenen, kommt jedoch rasch ans Tageslicht und bringt schwerwiegende Konsequenzen mit sich. So sieht sich der Präsident, angetrieben durch die (Gewaltan-)Drohung seines Sohnes, gezwungen, dieser Liebe ein Ende zu bereiten und verbündet sich zu diesem Zweck mit seinem Sekretär Wurm. Dieser kennt aufgrund seiner Position zwischen Bürgertum und Adel sowohl Stärken als auch Schwächen beider Seiten und spinnt eine Intrige, die die Eifersucht des jungen Ferdinand schüren soll. Unmittelbar vor der Szene wird der Hofmarschall ebenfalls für die Intrige gewonnen und dient als unbekannter Geliebter Luises. Die Intrige selbst wirkt sich zwar noch nicht auf die Szene aus, jedoch zeigen sich die vorangegangen Ereignisse deutlich in den Handlungen der Figuren.
SZENENANALYSE
Ort der Handlung (Symbolik):
Die Szene spielt in einem Zimmer in Millers Wohnung. Die Symbolik hinter diesem Schauplatz der Handlung vermittelt dem Leser zum Einen eine – sozial gesehene – Schlichtheit und ist zum Anderen Ausdruck eines Kontrastes gegenüber den vorangehenden Szenen, die im Saale des Palastes des Präsidenten spielen. Hierbei sind die Unterschiede des bürgerlichen Haushaltes (Ehrbarkeit, Ehrlichkeit, Gefühle im Zentrum) im Gegensatz zum Palast (Macht und Intrigen) hervorzuheben. Diese beiden – im dritten Akt vorkommenden – Schauplätze unterscheiden sich vor allem durch ein verschiedenartiges Wertesystem.
Personen:
In der zu analysierenden Szene kommt es zwischen Luise und Ferdinand zu einem Gespräch, welches in dieser Form - bis zu diesem Zeitpunkt des Dramas - erst zum zweiten Mal vorkommt. (vgl. 1.Akt, 4.Szene) Zwischen diesen beiden Szenen wurde die Intrige gesponnen, wovon Luise und Ferdinand zum Zeitpunkt ihres Dialoges jedoch noch nichts ahnen können.
Gliederung und Nachvollzug:
Inhaltlich geht es in dieser Szene um das Werben Ferdinands für den Plan einer gemeinsamen Flucht, dem sich Luise jedoch, aufgrund ihrer familiären Bindung und Verpflichtung, vor allem gegenüber ihrem Vater, widersetzt. Ferdinand sieht als Grund für die Zurückweisung seines Planes einen anderen Liebhaber im Leben der Luise.
Unsere Gliederung geht auf zwei verschiedene Ansätze zurück:
- Einteilung der Szene in zwei Abschnitte:
- Ferdinand ist „Feuer und Flamme“ für die Durchsetzung seines Fluchtplanes. Dieser Abschnitt reicht bis Seite 50, Zeile 15/23.
- Ab diesem Punkt der Szene kommen Ferdinand erhebliche Zweifel auf, ob ihn Luise wirklich liebe. Fragen wie „Gibst du ihn auf?“*, (S. 50/Z. 23) oder „Wirst du mir wirklich nicht folgen?“, (S.51/Z. 10) sind bezeichnend für sein Misstrauen.
- Einteilung der Szene in drei Abschnitte nach sich verändertem Gemütszustand Ferdinands
- „aufbrausend“: (S.50/Z.35ff.) „hat in der Zerstreuung und Wut eine Violine ergriffen [...] – Jetzt zerreißt er die Saiten, zerschmettert das Instrument auf dem Boden“
- „trotzig“: (S.51/Z.9;10): „Ich entfliehe, Luise. Wirst du mir wirklich nicht folgen?“
- „ausrastend“: (S.51/Z.14): „Schlange, du lügst.“
Ebenfalls kann man an der Gemütsveränderung Ferdinands feststellen, dass ab einem gewissen Punkt (S.51/Z.9) „springt aus seiner Betäubung auf“, Ferdinand sich aus dem Dialog zurückzieht. Von nun an ist er mehr mit der Anklage Luises, sich selbst sowie der Ausarbeitung des Racheplans beschäftigt. Der Dialog ist ab dieser Stelle abgekappt, was vor allem den Haltungsvorgaben und der Dramatik zu Grunde liegt.
Bei einer detailgenaueren Analyse und ersten Interpretation der einzelnen Abschnitte erkennt man die beiden zentralen Begriffe Pflicht und Liebe, welche für die Handlungen und Aussagen der beiden Figuren in dieser Szene charakteristisch sind. Ferdinands Liebe gegenüber Luise findet einen Gegenpol in der Einstellung Luises, die Pflicht der Liebe vorzuziehen. Die Kluft zwischen den beiden Ständen wird bezeichnend für diesen Konflikt. Die familiäre Bindung und die damit zusammenhängende Pflicht gegenüber dem Vater, lässt sie ihre Liebe zu Ferdinand negieren. Sie ist realistisch, vor allem im Bezug auf die Einschätzung einer möglichen Liebe, wohingegen Ferdinand unvernünftig, bindungslos und als ein Mensch ohne Pflichtbewusstsein erscheint.
Dieser Konflikt kommt für den Leser in dieser Szene mehrfach zum Ausdruck. Hierfür ein Beispiel auf Seite 49, Zeile 14: „oder brauchst du noch etwas Viertes dazu?“, darauf die postwendende Antwort in Zeile 15/16 :„Brich ab. Nichts mehr. Ich erblasse über das, was du sagen willst“. Hier wird deutlich, dass Luise versucht, bereits zu Beginn der sich entwickelnden dramatisierten Dialogsituation die Initiative zu ergreifen.
Mit dem Beginn des zweiten Abschnittes erfährt die Dialogsituation einen Wendepunkt. In dem folgenden Abschnitt hat Luise einen größeren Sprechanteil sowie eine geänderte Haltung dem Konfliktes gegenüber. In einem weiteren Schritt lässt sich, wie bereits festgestellt, eine Veränderung der Figuren, vor allem im Hinblick auf deren Gemütszustände und Stimmungen, erkennen. Bei Ferdinand ist eine Entwicklung vom euphorisch Liebenden zum stillen, murmelnden, wütenden und gegen Ende sogar rasenden und eifersüchtigen Liebhaber zu sehen. Der Entwicklungsprozess Luises geht hin zu einer Figur, die mit zunehmendem Fortlauf des Dialoges an Stärke und Entschlossenheit gewinnt, obwohl sie im weiteren Verlauf auch mit sich und ihrer Entscheidung hart zu kämpfen hat: „Tränen unterdrückend“ (S.51/Z.1), „zitternde Hand“ (S.51/Z.7). Luise ist bemüht, für ihre Entscheidung zu argumentieren und versucht dabei von Anfang an, eine friedliche Lösung zu finden, da sie zwar Ferdinand als Geliebten ablehnt, jedoch ihn als Bekannten nicht verlieren möchte. Sie unternimmt den Versuch, eine innere Distanz zu Ferdinand aufzubauen. Dies geschieht aus verschiedenen Gründen:
- Standesschranken: Luise argumentiert mit der von Gott gegebenen Ständeordnung, die aus ihrer Sicht eine Liebe zwischen ihnen beiden unmöglich erscheinen lässt. Im Fortlauf der Szene nimmt Luise immer mehr die Schuld des Scheiterns der Liebschaft auf sich, da sie den Charakter Ferdinands nur zu gut kennt und aus Rücksicht gegenüber dessen handelt. ((S.50/Z.30), „Ich bin die Verbrecherin“, (S.50/Z.32), „Meine Strafe“).
- Soziale Argumentation: Luise möchte „einem Bündnis entsagen, das die Fugen der Bürgerwelt auseinander treiben und die allgemeine ewige Ordnung zugrund stürzen würde“, (S.50/Z.28ff.). Sie bringt ein resignierendes Verständnis dafür auf, dass die Größe der ewigen Ordnung ihre Liebe übersteige, was ihr hilft, mit der Situation fertig zu werden – Ferdinand verliert hingegen jegliche Selbstkontrolle. -> Aktionstheater
Im weiteren Dialoggeschehen ist erkennbar, dass Luise immer sicherer, wohingegen Ferdinand zunehmend unsicherer wird. Luise gewinnt an Festigkeit und Klarheit, ihr Anliegen Ferdinand klar zu machen, sie ist in einem Status, sich neu zu definieren um damit Ferdinand Entsagen über das Scheitern ihrer gemeinsamen Liebe zu erleichtern. ((S.50/Z.39), „Ermanne dich.“, (S.50/Z.42f.), „Schenke sie [die Liebe] einer Edeln und Würdigern“).
Schiller wendet besonders in dieser Szene gezielt eine (Natur-)Metaphorik, „verwelkten Strauß der Vergangenheit“ (S.51/Z.5f.), als Zeichen der vergangenen Liebe an, um so dem von den Figuren Gesagten mehr Nachdruck zu verleihen.
Für Luise wirkt der Vorwurf Ferdinands gegen Ende der Szene (S.51/Z.18) „Ein [anderer] Liebhaber fesselt dich“, wie ein Schlag ins Gesicht. Auch hier kommt die gezielt eingesetzte Verrats-Metaphorik abermals zum Ausdruck: „Schlange, du lügst“, (S.51/Z.14).
Es fällt ebenso auf, dass sich im Verlauf der Szene eine Änderung im Bezug auf die Anredeform Ferdinands ergibt. Luise spricht Ferdinand zunehmend distanzierter und formeller an: „Ich bitte dich“ (S.49/Z.1), , „Walter“ (S.50/Z.39), „Leben Sie wohl, Herr von Walter“ (S.51/Z.7).
Dramaturgische Wirkungselemente (Wirkungsästhetik):
Die angewandten dramaturgischen Wirkungselemente sollen den Leser/Zuschauer mitfühlen lassen. Um dies zu erreichen, werden drei verschiedene Ebenen benutzt:
- Wortebene: Das Gesagte (hier: Dialog).
- Bedeutungsebene (körperliche Ebene): Hierunter fallen jegliche Arten von Regieanweisungen. ((S.50/Z.22), „das Gesicht verzerrt“, (S.51/Z.9), „Springt aus seiner Betäubung auf“).
- Wirkungsebene (Subtext): Es geht um Dinge, die nicht direkt gesagt werden, jedoch unweigerlich auffallen und vorhanden zu sein scheinen.
EINORDNUNG
Welche nachfolgenden Ereignisse ergeben sich aus dieser Szene, welche folgen für die Handlung, die Konfliktsituation, die Kräfteverhältnisse der Figuren:
Die Standesgrenzen und die steigende Eifersucht Ferdinands erweisen sich als Untergang Luises, der als Opfer der kommenden Intrige eine tragische Rolle zukommt. Ab dem Zeitpunkt, der auf den Dialog von Luise und Ferdinand folgt, kann die Intrige nun endgültig gesponnen werden, was gleichbedeutend mit einer Zuspitzung der Gleichen einhergeht. Luise ist nun bereit, aus Gründen des Entsagungswillens und der damit u.a. zusammenhängenden Tochterpflicht, den Brief zu verfassen. Im unkontrollierten Handeln seiner Eifersucht reift in Ferdinand der Vergiftungsplan, den er letztendlich auch – blind für mögliche Kompromisse und gegenüber der Realität – durchzieht.
KONTEXTUALISIERUNG
Bezugnahme auf thematisch verwandte literarische Werke, die Situationen, Figuren, Konflikte darin (nur oberflächlich angesprochen):
- Faust: Gretchendrama:
- Frau: runder Charakter
- Mann: bleibt Triebhaftigkeit hingezogen
- Die Räuber
- Antigone
Zu den genannten Werken wurde kontrovers diskutiert.
_________________________________________________________________________________________________________________ Anmerkung (*): womit der Kirchenraub gemeint ist, was die Tatsache eines Wehrens gegen die von Gott gegebene Ordnung der Stände besagt. (-> Sakrileg)
Prokollant: David
