Michael Kohlhaas/Lisbeths Tod
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Lisbeths Tod und Kohlhaas‘ Reaktion (Hamburger Lesehefte S. 20/21)
- Analysieren Sie diese Textstelle nach dem bekannten Verfahren:
- Basissatz und Einordnung
- Textanalyse (Übersicht, erzählerische Darbietungsformen, Handlungsschritte, Motive)
- Bedeutung der Ereignisse für die weitere Handlung. Achten Sie dabei auf folgende Aspekte:
- Wie zeigt sich in dieser Szene Kohlhaas‘ besonderer Charakter?
- Wo in der Novelle tauchen Motive, welche diesen Textausschnitt prägen, wieder auf?
1. a) Basissatz und Thematik:
Sollte man sich, wenn einem auf legalem Wege kein Recht, sondern nur Unrecht geschieht, sein Recht selber verschaffen dürfen? Dieser Frage geht Heinrich von Kleist in seiner Novelle „Michael Kohlhaas“ aus dem Jahr 1808 nach. Darin geht es um den Rosshändler Michael Kohlhaas aus dem Brandenburgischen, dem in der Mitte des 16. Jahrhunderts an der Grenze von Brandenburg zu Sachsen durch die Willkür des Junkers Wenzel von Tronka Unrecht getan wird, als dieser ihm zwei Rappen zugrunde richtet. Von diesem Betrug und diesem Rechtsbruch des Junkers empört, versucht Michael Kohlhaas im Verlauf der Novelle erst auf legalem Weg durch verschiedene höhere Instanzen zu seinem Recht zu kommen. Als dies jedoch scheitert, greift Kohlhaas zur Selbstjustiz und wird „zum Räuber und Mörder“ (S.3), der nun in einem Konflikt zwischen Recht, Gerechtigkeit, Gewalt und Selbstjustiz gefangen ist und seinen Rachefeldzug, den er, nachdem ihm sein Recht zugestanden wird, beendet, selbst mit dem Tod sühnen muss. (Ines K. Okt. 2010)
b) Einordnung der Textstelle:
Lisbeths Gang nach Berlin war der dritte Versuch, sich im Rahmen der staatlichen Rechtsinstanzen Recht und Gerechtigkeit zu verschaffen. Dieser Versuch kommt lediglich auf Drängen Lisbeths zustanden, während Kohlhaas schon nach dem zweiten gescheiterten Versuch („Querulant“) Anstalten zu einem Rachefeldzug trifft. Lisbeth hat ihren Vorschlag eingebracht, da sie die Bereitschaft ihres Mannes zur gewaltsamen Aktion erkannt hat („Oh! Ich verstehe dich ...“, S.19) und die Existenz ihrer Familie gefährdet sah. Es ging also ein handfester Ehekrach voraus, in dem die Verschiedenheit der Charaktere deutlich von einander abgegrenzt wird: Der Konflikt zwischen christlicher Vergebung und gewalttätiger Selbstjustiz. Dieser steht dann auch im Zentrum des zu analysierenden Textauszuges.
2. Textanalyse:
a) Überblick, Darbietung, Handlungsschritte:
In einem auktorialen Erzählbericht, der allerdings die Anteilnahme des Erzählers deutlich erkennen lässt („allerunglücklichste(r) Schritt“, Z.2), erfährt der Leser von Lisbeths gescheiterter Mission in Berlin und ihrem problematischen Gesundheitszustand (Z. 1-7).
Die unglücklichen und auch undurchsichtigen Ereignisse werden im nachfolgenden Abschnitt (Z. 7-21) von Knecht Sternbald berichtet, dies weitgehend in indirekter Rede, wodurch die Unklarheit über den genaueren Hergang („nichts Zusammenhängendes“, Z.6) unterstrichen wird. Auch bleibt dadurch die Frage nach der Schuld an diesem Unglück offen.
Der nächste Sinnabschnitt schildert Lisbeths letzte Stunden und ihre an Kohlhaas gerichtete Mahnung zur christlichen Feindesliebe. Diese wird mit ihrer letzten Kraft vorgetragen und erhält so - verstärkt noch durch die direkte Rede - ihre besondere Eindringlichkeit. Umso auffälliger ist es dann, dass diese Mahnung von Kohlhaas nicht angenommen wird.
Der letzte Textabschnitt (ab Z. 39) schildert in einem detaillierten und recht ausführlichen Erzählerbericht die Besonderheit des Begräbnisses, mit welchem Kohlhaas sich und seine Frau gleichsam in den Adelsstand erhebt („als für eine Fürstin“, Z.42f).
Mitten in die Trauer hinein erreicht ihn die Antwort auf seine Eingabe, sie besteht aus einer Strafandrohung aus Berlin, woraufhin Kohlhaas ohne viel Umschweife zur Rache schreitet.
b) Zentrales Motiv:
Im Zentrum dieser Szene steht die erneute Auseinandersetzung zwischen den beiden gegensätzlichen Handlungsprinzipien: Vergebung und Rache! Diese ist auch zu sehen vor dem Hintergrund des neuen lutherischen Glaubens, dem beide sich zugehörig fühlen (Z. 28f). Lisbeth, in ihren letzten Lebensäußerungen, verweist auf den christlichen Grundgedanken der Feindesliebe („tue wohl auch denen, die dich hassen“, Z.35) und macht ihn durch ihren Tod zu ihrem Vermächtnis. Ein solches müsste für den sie überaus liebenden Kohlhaas eine hohe Verpflichtung sein, dennoch hält er an seinem zuvor gefassten Racheplan fest und ignoriert damit den letzten Willen seiner Frau. Statt dessen bereitet er durch die Selbstnobilitierung seine Fehde gegen den Junker Wenzel von Tronka vor. Mit der prunkvollen Bestattung seiner Frau überhebt sich Kohlhaas ganz bewusst über seinen Stand und ermächtigt sich so für seinen nachfolgenden Fehde-Krieg. Die Strafandrohung aus Berlin, die letzte Kränkung seines Rechtsempfindens, scheint ihn dabei gar nicht mehr weiter zu erregen, zumindest schildert der sonst so akurate Erzähler Kohlhaas‘ Reaktion in kargen, unemotionalen Worten: „Kohlhaas steckte den Brief ein ... und übernahm sodann das Geschäft der Rache.“ (Z.52ff)
c) Mit dieser Szene endet der expositorische Teil der Novelle. Kohlhaas hat aus seiner Sicht die Möglichkeiten des Rechtsweges in einem dreifachen Versuch ausgeschöpft, er hat persönliche Demütigungen erfahren, er musste den Tod seiner geliebten Frau hinnehmen und hat damit seinen familiären Rückhalt verloren, er wurde schließlich in seinem Rechtsempfinden zutiefst verunsichert. Sein Bedürfnis nach Ordnung schlägt nun um in die kriegerische Durchsetzung einer "besseren Ordnung der Dinge", wie das vierte Mandat es fordert (S.31). Die dramatische Handlung beginnt.
3. Die weitere Handlung und Kohlhaas' Charakter:
a) Kohlhaas schweift nun in seinem Rechtsgefühl aus, begeht brutale Gewalttaten auch gegen Unschuldige und baut sich als Gegengewalt zu Staat und Kirche auf; bis Martin Luther einschreitet und sich als die einzige Autorität, die Kohlhaas Einhalt gebieten kann, erweist.
In der Begegnung mit Luther wiederholt sich der Konflikt, den Kohlhaas mit seiner Frau zuvor ausgetragen hatte: Vergebung oder Rache! Und fast deckungsgleich findet die Auseinandersetzung hier ihren Verlauf (S.36f): Am Ende eines heftigen Disputes über die Rechtmäßigkeit von Kohlhaas‘ Handeln fordert Luther diesen auf, dem Junker zu vergeben: „Willst du ... vergeben und ... heimreiten?“, S. 37). Und wieder weicht Kohlhaas aus („kann sein...“) und beharrt auf einem alttestamentarischen Verständnis von Gerechtigkeit („der Herr auch vergab allen seinen Feinden nicht“, S.37). Luther würdigt ihn daraufhin nur noch eines „missvergnügten“ Blickes und sie scheiden wortlos.
b) Erneut wird hier Kohlhaas‘ Charakter beleuchtet. Er ist ein zerrissener Mensch, der einerseits ein guter Christ lutheranischer Prägung sein möchte, der die Sakramente ehrt und z.B. um die Beichte bittet; und andererseits ist er besessen von dem Bedürfnis, in einer gerechten „Ordnung“ zu leben und diese notfalls eigenhändig herzustellen. Er ist ein Überzeugungstäter und ein Besessener: Solange er sich ausgestoßen sieht, will er sein Recht mit angemaßter Gewalt erzwingen. Als er schließlich in einem rechtmäßigen Verfahren zum Tode verurteilt wird - ein Richterspruch, mit dem er durchaus einverstanden ist - verzichtet er weiterhin nicht auf die Möglichkeit, Rache zu üben, diesmal an dem Kurfürsten von Sachsen. Auch hier ringt er sich nicht zur Vergebung durch, sondern er befriedigt sein persönliches Rachebedürfnis. Zugleich unterwirft er sich freiwillig der rechtsstaatliche Gerechtigkeit, die im Todesurteil an ihm vollzogen wird.
Der sich als Chronist gebende Erzähler lässt den Leser in dieser moralischen Unentschiedenheit zurück: Kohlhaas ist ein „Räuber und Mörder“ (S.3), doch seine Nachkommen leben „rüstig“ und „froh“ weiter (S.85), seine Feinde sind vernichtet. Und dennoch ist Kohlhaas in den Augen des Erzählers „rechtschaffen“ und „entsetzlich“ zugleich (S.3), da er ein in seinen Tugenden ausschweifender Mensch ist. Das moralische Urteil des Erzählers entspricht dem antiken Ideal des rechten Maßes in allem, auch in der Tugend. Die Intention des Autors Kleist wiederum mag es gewesen sein zu verdeutlichen, dass ein auf Korruption und Willkür beruhendes Staatswesen selbst die tugendhaftesten und rechtschaffensten Menschen zur Ausschweifung verführen kann. Nur ein gerechtes Rechtswesen vermag dies zu verhindern. Preußen im Jahre 1810 hatte die Chance zur grundlegenden Reform aller Institutionen, Kleist wollte mit seinem „Kohlhaas“ auf die Notwendigkeit solcher Reformen hinweisen.
K. Dautel Okt. 2010
