Lyrik/Moderne Lyrik
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Moderne Lyrik und ihre Techniken des Sprechens: Ist das noch Lyrik?
Wodurch ist Lyrik bisher gekennzeichnet gewesen?
Traditionelle Merkmale:
- -> Reim: Regelmäßige Wiederkehr von Klängen)
- -> Metrum: Regelmäßige Abfolge von betont-unbetonter Sprache
- -> Bildhafte Sprache: Metaphern, Gleichnisse, Symbole
- -> gehobene Sprache: nicht Umgangssprache
Im Vergleich dazu:
Moderne Merkmale
- -> Subjektivität der Aussagen (ein lyrisches ICH spricht sich aus)
- -> Eigentümlichkeit der Aussageweise (sprachliche Originalität)
- -> Verdichtete Sprache (kühne Metaphern, Chiffren, Schlüsselwörter, Oxymora, Sinn-Aufladung von Wörtern)
- -> Klangqualität von Sprache (Assonanz, Alliteration, Anaphern, Vokalmotive)
- -> andere Strukturmerkmale (Parallelismus)
- -> Rhythmus statt Metrum
- -> Sprache der Lyrik als Gegensprache zur Informations- und Alltagssprache
- -> Typographisches Erscheinungsbild (bedeutungshaltiger Zeilenbruch)
freier Umgang mit den Regeln der Grammatik -> agrammatisch:
- - d.h. Wortgruppen und Ausdrücke statt Sätzen und Nebensätzen
- - Nichtverwendung von Satzzeichen und anderen Ordnungselementen
- - Zeilenbrüche nicht entlang der Satzgrammatik, sondern nach gewolltem Sinn
freier Umgang mit dem Wortschatz:
- eigene Wortbildungen (Neologismen)
- Zusammenfügen von nicht Zusammengehörenden (disparate Parataxe)
freier Umgang mit Wortbedeutung:
- Schaffung von Mehrdeutigkeit statt Eindeutigkeit
Zusammengefasst:
Moderne Lyrik, Lyrik des 20. Jahrhunderts, ist gekennzeichnet durch
- verknappte und verdichtete Sprache (Sprachökonomie)
- sowie durch verfremdende, außergewöhnliche Sichtweisen.
- Die Struktur-Merkmale dieser Lyrik sind weniger äußerlich (Reim/Metrum/Strophe)
- und stärker Gedicht-immanent (d.h. jedes Gedicht besitzt seine eigene Struktur)
- Modernes, lyrisches Sprechen verweigert sich absichtsvoll dem raschen Konsum, d.h. dem schnellen Verstehen. (Hermetik)
Über den Umgang mit moderner Lyrik
"Moderne Lyrik nötigt die Sprache zu der paradoxen Aufgabe, einen Sinn gleichzeitig auszusagen wie zu verbergen. Dunkelheit ist zum vorherrschenden ästhetischen Prinzip geworden. Sie ist es, die das Gedicht übermäßig absondert von der üblichen Mitteilungsfunktion der Sprache, um es in der Schwebe zu halten." (Hugo Friedrich: Die Struktur der modernen Lyrik, 1956 S.178)
"Die Deutung eines modernen Gedichtes sieht sich genötigt, sehr viel länger bei seiner Aussagetechnik zu verweilen als bei seinen Inhalten, Motiven, Themen. (...) Die Energien drängen vollständig in den Stil. (...) Mit seinen Unruhen, Brüchen, Befremdungen zieht der abnorme Stil die Aufmerksamkeit auf sich selber." (S.149)
"Mit dem Willen zur Dunkelheit stellt sich das Problem des Verstehens ein (...), das Gedicht gerät durch den Leser in ein neues Bedeutungsspiel, das sein eigenes Recht hat. (...) Der Begriff des Verstehens ist dem Begriff des Weiterdichtens gewichen - Weiterdichten durch den Leser." (a.a.O.)
