Lyrik/J.v.Eichendorff: Die zwei Gesellen
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Hinführung
Beginnt im Frühling die Natur zu erwachen, verspüren die Menschen den Wunsch die weite Welt zu entdecken.
Genau mit diesem Gefühl setzt sich Joseph Freiherr von Eichendorff in dem 1818 veröffentlichten Gedicht „Die zwei Gesellen“ auseinander.
Eichendorff wurde 1788 geboren und starb 1857. Neben seinen Werken „Wünschelrute“ und „Sehnsucht“ schrieb er auch das hier zu analysierende Gedicht. Darin beschreibt er den Aufbruch, die Ziele und das Scheitern zweier Gesellen, indem er die zwei verschiedenen Lebensläufe in drei Strophen vorbeiziehen lässt.
Bereits die Überschrift beinhaltet Assoziationen, die beim Leser schon eine Grundstimmung erwecken: Man denkt sofort an zwei junge Männer, die sich auf Wanderschaft begeben und noch voller Lebensmut und Frische sind. Das Gedicht könnte sich in einer Welt der Sehnsucht und des Gefühls abspielen.
Analyse von Struktur- und Formelementen sowie von sprachlichen Mitteln
Das Gedicht besteht aus 6 Strophen, die sich aus jeweils 5 Versen zusammensetzen. Die Strophen weisen ein unregelmäßiges Versmaß auf, wobei ein lockerer, tänzelnder Daktylus vorherrscht. Zusammen mit dem Reimschema abaab, einer Vermischung eines Kreuz- und eines Paarreims, entsteht so ein musikalischer Eindruck, der aufgrund der Liedhaftigkeit des Gedichts noch verstärkt wird.
Die ersten beiden Strophen handeln vom Hinausziehen in die Welt und vom Aufbruch ins Leben, was symbolisch durch den Frühling verdeutlicht wird. Die drei folgenden Strophen beschreiben und bewerten zwei verschiedene Lebensläufe, während die letzte Strophe als abschließender Kommentar des lyrischen Ichs und als Rückbezug auf den Anfang gesehen werden kann.
Das Gedicht ist von einer naturhaften Metaphorik mit dem Schwerpunkt Wasser geprägt, die Natur steht also für das Geschehene und gewinnt dadurch an Dynamik. Es enthält mehrere Personifikationen, die durch Klangadjektive beschrieben werden („ klingende, singende Wellen“, Z. 4). Außerdem werden in Strophe drei einige Diminutive verwendet („Liebchen“, „Bübchen“, „Stübchen“), womit der Autor dem Lebenslauf seine Besonderheiten nehmen will, ihn also einschränkend beschreibt. In Strophe vier wird hingegen mit Synästhesie gearbeitet(„farbig klingender Schlund“, Z.20).
Des Weiteren ist auffallend, dass jede Strophe aus einem einzigen vollendeten Satz besteht und im Präteritum geschrieben ist, also eine nachwirkende Schilderung der stattgefundenen Ereignisse.
Analyse von Entwicklung und Gedankengang (Strophe für Strophe)
Ein dem Leser unbekanntes lyrisches Ich schildert den Lebenslauf zweier Gesellen. Erst in der letzten Strophe bringt es sich persönlich ein und spricht über seine Gefühle.
Zu Beginn wird der Aufbruch der zwei jungen Freunde in die große weite Welt beschrieben. Es ist Frühling, der auch als Beginn eines neuen Lebensabschnittes gesehen werden kann. Die Stimmung wird durch die „hellen, klingenden, singenden Wellen“ sehr positiv beschrieben.
In der zweiten Strophe wird das gemeinsame unbändige Streben, in dieser Welt etwas „trotz Lust und Schmerz“ zu erreichen und zu verändern deutlich. Ihre optimistische Stimmung überträgt sich auch auf Dritte.
In den drei darauf folgenden Strophen erfährt der Leser, was aus diesen hohen Lebensentwürfen geworden ist: Einer der beiden verliert sein Streben schon "bald" aus den Augen, lechzt nicht mehr nach seinen Zielen und zieht sich, aus der Sicht des Autors, zu früh in eine heimelige Umgebung als Philister zurück: Er finde eine Frau mit Mitgift und setzt sich mit Haus und Hof zur Ruhe.
Der andere Geselle verliert ebenfalls seine Ziele aus den Augen, jedoch bleibt er aktiv und verbraucht sich in berauschtem Erleben und Genießen. (Strophe 4 und 5). Er durchlebt Traumwelten und verfällt den Verlockungen der Sinnenwelt. Diese werden durch die magisch-mythische Frauengestalten der Sirenen symbolisiert. Deren zauberhafter Lockgesang wurde in der griechischen Sagenwelt vielen Seefahrern und Abenteurern zum Verhängnis. In dieser Strophe ist dementsprechend die Metaphorik von Wasser und Untergang auffällig.
In beiden Lebensformen sind es übrigens Frauen, welche die hochgestimmten Lebensentwürfe der Gesellen durchkreuzen und beide schließlich zu Fall zu bringen scheinen. Hier ließen sich Bezüge zu den Sagenfiguren der Loreley oder der Wasserjungfrau Undine denken, welche in der deutschen Romantik immer wieder als Symbole magischer Verführungskraft und des schicksalshaften Ausgeliefertseins auftauchen.
In der letzten Strophe erscheint das lyrische Ich und wertet die beiden Lebensläufe als misslungen. Die Hilflosigkeit dem unveränderbaren Schicksal gegenüber rührt ihn zu "Tränen", er wendet sich Gott zu, in dessen Hand all unsere Schicksale liegen. Diese Geste kann als Resignation oder auch als Ergebenheit gedeutet werden, jedenfalls legt sie den Schluss nahe, dass in den Augen des lyrischen Ich die Menschen von außer ihm wirkenden Mächten geführt oder - wenn man es zugespitzt formulieren möchte - gelebt werden.
Zusammenfassung
Das lyrische Ich wendet sich in diesem Gedicht abschließend an Gott und bittet darum, den Menschen den Lebensweg nicht so beschwerlich zu gestalten, so dass man genug Kraft hat seine Ideale zu verwirklichen, bevor man von seinem individuellen Weg abkommt und unzufrieden endet. Bei diesem Text handelt es sich um ein Weltanschauungsgedicht, indem der Autor zeigt, dass man sein Ziel niemals aus den Augen verlieren und nie aufhören soll, nach etwas Höherem zu streben. Dies ist auch der Grund, warum die Sehnsucht der beiden Gesellen, „ etwas Rechts in der Welt (zu) vollbringen“ unbefriedigt bleibt. Dies ist sozusagen die Schattenseite dieser idyllischen Welt, in der sich die Gesellen zu Beginn des Gedichtes befinden. Der Autor möchte damit darauf hinweisen, dass der Mensch nicht demselben Schicksal, wie dem der zwei Gesellen, folgen, sich Gedanken über seine Ziele machen und diese nie vergessen soll.
Einordnung
Literaturgeschichtlich ist das Gedicht der Romantik zuzuordnen, in dessen Epoche Eichendorff lebte. So finden sich viele Elemente der Romantik in diesem Gedicht wieder. Charakteristisch ist zum einen die Natur als eine idyllische Welt, die durch immer wiederkehrende Personifikationen vertraut erscheint. Sie ist es auch, in der sich die Sehnsucht der zwei Gesellen, ein weiteres Merkmal der Romantik, manifestiert. Zum anderen nahm Eichendorff als Protagonisten die Gesellen, also Menschen aus dem einfachen Volk. Dies lässt vergessen, dass das Gedicht vom Schema der ansonsten üblichen Volksliedstrophe abweicht. Für diese Epoche war es ebenfalls üblich, nach Höherem, auch Unerreichbarem, zu streben. Daher stammt vermutlich auch die Motivation für dieses Gedicht. Wer in der Romantik nicht mehr nach dem Fantastischen oder einfach nach einer anderen Welt strebt, der hat seinen Sinn für die Wahrheit verloren. Denn nicht das Reale, im Sinne der Aufklärung, sondern das Romantische führt den Menschen zur Wahrheit.
Autobiographisch gesehen kann man mit dem letzten Vers einen Bezug zu Eichendorffs Leben herstellen. So besuchte er ein katholisches Gymnasium, was seinen christlichen Glauben verstärkte.
Meiner Meinung nach ist mit diesem Gedicht durchaus ein Gegenwartsbezug möglich.
So sind hohe Ziele meist zum Scheitern verurteilt. Das Gedicht zeigt, wie schnell man vom gewollten Weg abkommt; doch sollte man, so schwer das Ziel auch zu erreichen scheint, den Glauben an seine Träume nicht verlieren.
© Deutsch-Kurs 3 Mai 2006
