Lyrik/Domin:Fremder
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Hilde Domin: Fremder
Hinführung
Befasst man sich mit der deutschen Geschichte, so trifft man unweigerlich auf den Nationalsozialismus und seine Folgen: Tausende von Menschen wurden ihrer Heimat beraubt, wodurch das Problem der Identitätsfindung auftrat, und das nur wegen ideologischen Rassenvorstellungen und idiomatischem Rassenwahn. Die „Verbannten“ mussten sich zwangsweise neuer Gewohnheiten bedienen und sich anpassen. Und doch wünschten sie sich nichts mehr als endlich wieder in ihre geliebte Heimat zurückkehren zu können.
Autor, Titelassoziationen und Thematik
In dem von Hilde Domin verfassten Gedicht "Fremder" geht es um die Ruhelosigkeit des lyrischen Ich und die Unfähigkeit, sich zu binden. Es irrt umher und beschreibt seine Emotionen und Erfahrungen bei der Begegnung mit der Fremde. Der Titel weckt verschiedene Assoziationen, da man sich in der Fremde oft unsicher und orientierungslos fühlt. Dadurch erhält der Leser einen gewissen Erwartungshorizont und einen Einblick in die zu erwartende Thematik. Auch Hilde Domin, Tochter eines jüdischen Rechtsanwaltes, wurde schon früh mit der Erfahrung des Fremdseins konfrontiert, da sie in jungen Jahren Deutschland verließ. Auf der Suche nach einem Ort der Geborgenheit lernte sie viele verschiedene Kulturen kennen. Sie war u.a. in Rom und der Dominikanischen Republik, doch am Ende trieb es sie wieder an den Ort ihrer Geburt, nach Deutschland, zurück. Sie musste so oft ihren Aufenthaltsort wechseln, da das Naziregime sie immer wieder einholte und sie sich vor Razzien oder „Sonderbehandlungen“ in Acht nehmen musste.
Formbeschreibung und Strukturierung
Das Gedicht "Fremder" ist so aufgebaut, dass auf eine zweizeilige Strophe immer eine fünfzeilige Beschreibung der Situation folgt. Sinngemäß ließe sich das Gedicht in drei Abschnitte unterteilen. Zwischen den fünfzeiligen Beschreibungen liegen die angesprochenen zweizeiligen Strophen. Das Gedicht, welches weder einen Reim noch ein Metrum besitzt,ist stattdessen durch einen prägnanten, modernen Rhythmus und kühne Metaphern geprägt. So stellt zum Beispiel das Netz die Gesellschaft dar, in der das lyrische Ich keinen Halt findet. In dem Gedicht beschreibt es seine Situation, indem es sich direkt ausspricht und nicht, wie zum Beispiel in der Romantik, seine Aussagen mit Verniedlichungen oder schönen Bildern schmückt. Diese Art und Weise, ein Gedicht zu verfassen, wird durch die fehlende Satzgrammatik (agrammatisch) und die bedeutungshaltigen Zeilenbrüche verstärkt. Der Effekt der Zeilenbrüche hat einen Anstau im Gedichtsfluss zur Folge. Neben der Sinnaufladung von Wörtern sind ausschließlich freie Verse vorhanden.
Nachvollzug des Gedankenganges
Zu Beginn des Gedichts wandert das lyrische Ich einsam und verlassen, fast "wie ein Toter" (Z.2) durch die Fremde auf der Suche nach Heimat. Es findet keinen Halt und keinen Anschluss in der Gesellschaft ["Ich falle durch jedes Netz(...)falle ich durch die Netze hindurch." (Z.1-3)]. Es vergleicht sich mit einem Samenkorn ohne Erde, dass vom Wind fortgeweht wird, somit wehrlos und ausgeliefert ist. Das lyrische Ich hat keinerlei Verwurzelung und somit keine Entfaltungsmöglichkeiten. Der Wind symbolisiert die äußeren Geschehnisse deren Spielball das lyrische Ich ist. Die Verse 10 – 14 beinhalten die nüchterne Beobachtung des lyrischen Ich, seine nicht integrierte Stellung und seine verlorengegangene Identität. „was sie brauchen“ zeigt die Distanz und ein Stück weit die Abwertung der Bewohner. Die Städte, die es durchschreitet sind für ihn Orte der Geborgenheit, stehen für ein Leben in der Gemeinschaft und sind typische Lebensstationen["Spielzeug und Hochzeitslaken und der Platz bei dem Sarg der Mutter" (Z.12-14)]. Doch das lyrische Ich kommt nicht durch die enggeknüpften Strukturen und wird deswegen immer wieder auf das Neue enttäuscht. Das lyrische Ich kommt mit leeren Händen, ihm ist nichts geblieben. Die "offenen Hände" stehen für die Forderung und Bitte, fast wie bei einem, auf der Erde zusammengekauerten, Bettler. Das lyrische Ich kommt mit neu geschöpfter Hoffnung in ein Land und muss doch einsehen, dass ihm die Leute nicht das geben können, was es wirklich braucht. Es nimmt schon fast eine trotzige Haltung deswegen ein. um sich selbst vor Enttäuschungen zu schützen: Es braucht im Gegensatz zu den anderen nichts, dies stellt einen großen Kontrast und somit eine ablehnende Haltung dar. In den Versen 17- 21 kommt nun das Sprachproblem hinzu, denn die Leute wundern sich, dass das lyrische Ich ihre Sprache spricht und somit nicht sehr auffällt, doch das lyrische Ich weiß es besser und fühlt sich als „Fremder, der ihre Sprache spricht“. Hier ist wiederum die Distanz zum Sie sehr deutlich zu erkennen.
Abstraktion und Intention
Hilde Domin versucht mit dem Gedicht ihre eigene Lebenserfahrungen zu verarbeiten. Sie will das Gefühl von "Fremdsein" und "Orientierungslosigkeit" vermitteln. In dem Gedicht wird ihre fehlende Gebundenheit an einen Ort und eine Heimat deutlich.
Sie beschreibt das Gefühl der emotionalen Verwirrung, nicht zu wissen, woher man kommt und wohin man geht. Dadurch findet sie nirgendwo Ruhe und Geborgenheit.
Das Bindeglied zwischen der Gemeinschaft und dem Fremden bildet die Sprache, die beide beherrschen und somit einen Neuanfang ermöglichen könnte.
Einordnung in das Motivfeld "Heimatverlust"
Domins Gedicht "Fremder" lässt sich in die Kategorie der Heimatverlust- und Exil-Lyrik einordnen. In dieser Art der Lyrik verarbeiten die Autoren ihre Erfahrungen und Erlebnisse im Bezug auf das Leben in der Fremde oder im Exil als Vertriebene. Oft müssen sie sich mit einer neuen Kultur, einer anderen Sprache auseinandersetzen.
Weitere Vertreter dieser Gattung sind z.B. Heinrich Heine (1797-1856) Bertolt Brecht (1898-1965), Hermann Hesse (1877-1962), Günter Eich (1907-1972) und Rainer Maria Rilke (1875-1926).
Hilde Domin flüchtete 1932 vor dem Nationalsozialismus aus Deutschland und lebte über 20 Jahre lang im Exil. In und nach dieser Zeit schrieb sie viele Gedichte um "sich ihre Schmerzen von der Seele zu schreiben" (Hilde Domin, SWP 20. Juli 1996), die sich mit ihrem Heimatverlust beschäftigen. So ist auch ihr Gedicht "Fremder" ein Produkt ihrer Erlebnisse, wobei sie jedoch keine autobiographischen Inhalte einfließen lässt, worauf auch der maskuline Titel "Fremder" hinweist. Im Vergleich zu Brecht und Heine, bei denen Heimat eine politische Dimension hat, definiert Hilde Domin ihre Heimat über ihre Sprache ("Ich bin der Fremde, der ihre Sprache spricht" Z. 20/21). Bei Heine wird außer der politischen die kulturelle und kulinarische Dimension erfasst.
