Lyrik/Barocke Liebe
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Liebesgedichte im Barock
Liebeslyrik?
Ingo Stöckmann: Liebe und Kultur - Über die Abwesenheit eines Gefühls in der Lyrik des Barock.
- „Wer der barocken Liebeslyrik im Zeichen ... erlebnishermeneutischer Kategorien begegnet, wird die irritierende Erfahrung machen, sich historisch nachhaltig verzettelt zu haben. Liebe ist in der Lyrik des 17. Jahrhunderts kein Gefühl. … Anders als in den lyrischen Texten späterer Jahrhunderte offenbart sich Lesern in den barocken Textexempeln … kein Versprechen, einer unmittelbaren Erlebnisfülle begegnen zu können. (…) Barocke Literatur ist rhetorisches Sprechen, also generalisierte und auf Generalisierung zielende, repräsentierende Rede, zu deren kunstvoll produzierten, affektiven Bewegungen eine authentische Individualität sich ebenso störend wie missverständlich verhalten würde. (…) Als lyrischer Text ist Liebe keine emotionale Grundbefindlichkeit menschlicher Existenz, sondern ein regelnhaftes Ausdrucksverhalten, das (nicht allein) im 17. Jahrhundert von kulturellen Codes gesteuert wird. Liebe ist, anders formuliert, … eine Textfigur, die die Art und Weise der Sinnproduktion und Bedeutungserzeugung im Text festlegt. (…) Weil Poeten immer in die Gefahr verstrickt sind, keine Einfälle zu haben und damit der „Blödigkeit“ ausgeliefert sind, benötigt das Barock spezifische Verstärkungen der poetischen Erfindung. Die „Liebessachen“ (Opitz) bilden hierauf die prominenteste Antwort des Barock.“ (Der Deutschunterricht 6/2003 S.23/24)
Petrarkismus
Eine literarische Konvention, die direkt oder indirekt auf Francesco Petrarca (1304 - 1374) und dessen volkssprachliche Lyrik (Canzoniere) zurückgeht und durch einen Komplex von Themen, Motiven, Bildern und sprachlich-rhetorischen Techniken charakterisiert ist. Dazu gehört auch die Sonett-Form.
- "Der P. prägte die europäische Liebesdichtung über mehrere Jahrhunderte. Der Grundton der Liebeslyrik des Canzoniere ist der der Klage, der Resignation und der Melancholie, Folge der Hoffnungslosigkeit der Liebe und einer zutiefst gespaltenen inneren Haltung des Liebenden zwischen sinnlichem Begehren und distanzierter Verehrung, Verfallenheit und Sehnsucht nach Befreiung, Leidenschaft und Sündenbewusstsein. Im Verlauf der Rezeptionsgeschichte ging das Individuelle der Lyrik Petrarcas verloren, erhalten blieben – zu Stereotypen erstarrt – die erotische Grundkonstellation, die zentralen Themen und Motive und v. a. die virtuosen sprachlich-rhetorischen Mittel.
- Anknüpfungspunkte bildeten dabei gerade die Gedichte, in denen Petrarcas Stil durch eine Häufung von Antithesen und Oxymora ans Manieristische grenzt (S’amor non è, Pace non trovo u. a.), dann die Bildersprache Petrarcas mit ihren Antithesen von Hitze und Kälte, Feuer und Eis, Krieg und Frieden oder Leben und Tod. Zugleich erhält die Frau, ausgehend von Petrarcas Schönheits- und Tugendpreis, festumrissene Züge, wobei ihre Schönheiten katalogisiert und in ihrer Kostbarkeit und Unvergleichlichkeit durch eine entsprechende Preziosenmetaphorik und mythologische Anspielungen hervorgehoben und zusammen oder einzeln zum Gegenstand von Gedichten werden." (Volker Meid: Sachwörterbuch zur Deutschen Literatur, Reclam 2000, CD-Ausgabe)
Zum festen Motivkanon gehört der Schönheitskatalog, d.i. die Auflistung weiblicher Körperteile und ihrer Vorzüge, ebenso das Motiv der Vergänglichkeit sowie die Darstellung widerstreitender Gefühle in Paradoxien und Antithesen.
Johann Georg Greflinger (ca.1620 – ca.1677)
An eine vortreffliche, schöne und tugendbegabte Jungfrau
Gelbe Haare, güldne Stricke,
Taubenaugen, Sonnenblicke,
Schönes Mündlein von Korallen;
Zähnlein, die wie Perlen fallen,
Lieblichs Zünglein in dem Sprachen *,
Süßes Zürnen, süßes Lachen,
Schnee- und lilienweiße Wangen,
Die voll roter Rosen hangen,
Weißes Hälslein gleich dem Schwanen,
Ärmlein, die mich recht gemahnen
Wie ein Schnee, der frisch gefallen,
Brüstlein wie zween Zuckerballen,
Ausbund aller schönen Jugend,
Aufenthaltung aller Tugend,
Hofstatt aller edlen Sitten:
Ihr habt mir mein Herz bestritten!
- Sprachen: Mund (Wortschöpfung/Neologismus)
- Mündlein, Zähnlein, Zünglein: Diminuitive
Sonett
Frauenbilder
Andreas Gryphius (1616-64 Schlesien)
AN EINE GESCHMINKTE
Was ist an Euch, das Ihr Eur Eigen möget nennen?
Die Zähne sind durch Kunst in leeren Mund gebracht,
Euch hat der Schminke Dunst das Antlitz schön gemacht.
Daß Ihr tragt fremdes Haar, kann leicht ein jeder kennen,
Und daß Eur Wangen von gezwungner Röte brennen,
Ist allen offenbar. Des Halses falsche Pracht
Und die polierte Stirn wird billig ausgelacht,
Wenn man die Salben sieht sich um die Runzeln trennen.
Wenn dies von außen ist, was mag wohl in Euch sein
Als List und Trügerei. Ich bild mir sicher ein,
Daß unter einem Haupt, das sich so falsch gezieret,
Auch ein falsch Herze steh, voll schnöder Heuchelei.
Samt eim geschminkten Sinn und Gleisnerei dabei,
Durch welche, wer Euch traut, wird jämmerlich verführet.
Stichworte:
Die Frau
- als Inbegriff von Vanitas und Hybris
- als erstarrte Künstlichkeit
- als der Superbia (Todsünde des Hochmuts) verfallen.
- als Allegorie: „Frau Welt“, außen schön, innen verfault. Allegorie - Verbildlichung eines abstrakten Begriffs, meist Personifikation, z.B. die Musen, die Justitia. Die Frau wird zur Allegorie, wenn sie dazu dient, den Widerspruch von Schein und Sein, von schöner Fassade und innerer Verderbtheit darzustellen.
- als Lustschöpferin, die Liebe als „sündiges Spiel“ (siehe die Venus- und Amor-Gedichte)
- Intention: Erinnerung an die ewigen Werte, die die Vergänglichkeit der äußeren Schönheit (siehe auch Hofmannswaldau: Vergänglichkeit der Schönheit) aufheben (z.B. Das Herz als Diamant: im Paradox (Herz als warm pulsierend, Liebesmetapher wird als kalt und unvergänglich gezeigt: darin zeigt sich die Wahrheit. Siehe auch Material dazu.)
