Lyrik/Liebeslyrik2010/Opitz Ach Liebste
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Gedichtinterpretation
I.
In dem Liebesgedicht „Ach Liebste, laß uns eilen“ von Martin Opitz geht es um den Wunsch eines verliebten Menschen, die gemeinsame Zeit mit der Geliebten so lange es möglich ist zu nutzen und zu genießen.
Schon der Titel des barocken Gedichtes „Ach Liebste, laß uns eilen“ deutet bereits auf eine gewisse Dringlichkeit hin, die durch die Aufforderung an die Liebste hervorgehoben wird und sich auch in das barocke Lebensgefühl, das vom Vergänglichkeitsbewusstsein geprägt war, fügt. Jedoch weisen nicht nur Titel und Entstehungsjahr (1624) auf eine Einordnung des Gedichts in die Barockzeit hin, sondern auch dessen Verfasser Martin Opitz, der in jener Epoche einen wesentlichen Beitrag zur deutschsprachigen Dichtung geleistet hat. Er empfahl das Sonett als Gedichtform und sprach sich für diverse Regeln und Normen aus, die der Lyrik Eleganz und einen fließenden Klang verleihen sollten. Aus diesem Grunde ist davon auszugehen, dass das Gedicht „Ach Liebste, laß uns eilen“ einer strengen Regelmäßigkeit und einem ebenso geregelten Metrum unterliegt.
II.
Das Gedicht ist aus der Perspektive des lyrischen Ichs geschrieben, das sich an seine Geliebte wendet und es dazu auffordert die Zeit, die beiden bleibt, zu nutzen. Da es sich bei der Angesprochenen um eine Frau handelt, ist davon auszugehen, dass das lyrische Ich männlich ist. Dieses ist sich seiner eigenen Vergänglichkeit und vor allem der seiner Geliebten bewusst und bittet die Angesprochene aus diesem Grunde darum, mit ihm zu „eilen“.
III.
Das Gedicht besteht aus sechs Strophen zu je vier Zeilen und ist sehr regelmäßig aufgebaut, was durch den zwei- bzw. dreihebigen Jambus und die durchgängige Regelmäßigkeit des Kreuzreims hervorgehoben wird. Die Sprache des Gedichts ist gezeichnet von Worten die Verfall und Vergänglichkeit ausdrücken, wie zum Beispiel „verschwinden“ (s. Z. 8), „verbleichet“ (s. Z. 9), „greis“ (s. Z. 10), „ungestalt“ (s. Z. 13), „verfallen“ (s. Z. 14) und „alt“ (s. Z. 16). Ebenso ist die Sprache auch von einer bildhaften Gestaltung geprägt, die auch in einigen Fällen eine gewisse Gegensätzlichkeit verstärken soll, wie zum Beispiel „Feuer“ (s. Z. 11) und „Eis“ (s. Z. 12). Andere bildhafte Darstellungen sind beispielsweise „Fuß für Fuß“ (s. Z. 6) , „Der Wangen Zier“ (s. Z.9) , „Das Mündlein von Korallen“ (s. Z. 13) und „Der Jugend Frucht“ (s. Z. 18).
Durch diese vielfältigen Beschreibungen erhält das Gedicht ebenso verschiedene Klangfarben, die von einer gewissen Dringlichkeit, die besonders in der ersten Strophe deutlich wird, über eine Art von Wehmut angesichts der verstreichenden Zeit (siehe Strophen zwei bis vier) und der Entschlossenheit, die Konsequenzen aus jenem Problem zu ziehen (siehe Strophe fünf), bis hin zu einem Gefühl der Innigkeit und Einheit des lyrischen Ichs mit dessen Geliebter, reichen.
IV.
In der ersten Strophe wird der Titel des Gedichts „Ach Liebste, laß uns eilen“ noch einmal wiederholt, wodurch die Eindringlichkeit der Bitte des lyrischen Ichs ein weiteres Mal Ausdruck und Nachdruck verliehen wird. Das lyrische Ich spricht seine Geliebte mit einem Imperativ an, der auffordernden Charakter hat und keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Bitte des lyrischen Ichs lässt. Weiterhin wird die Ausgangssituation in der sich das betreffende Paar befindet, genauer definiert. Beiden bietet sich die Gelegenheit zu eilen und es folgt die Erkenntnis des lyrischen Ichs, dass der Stillstand und das Verharren in der momentanen Situation für beide Beteiligten negativ ist ( „(...) schadet das Verweilen uns beiderseit.“). Dabei findet innerhalb der ersten Strophe ein Perspektivwechsel statt: in Zeile eins wird die Geliebte angesprochen und schließlich richtet sich die Perspektive in Zeile zwei bis vier auf das „Wir“. In den Strophen zwei bis einschließlich vier finden sich Elemente des petrarkistischen Schönheitskatalogs, in dem die körperlichen Vorzüge der angesprochenen Frau aufgezählt werden, wie zum Beispiel „Der edlen Schönheit Gaben“ (s. Z. 5), „Der Wangen Zier“ (s. Z. 9), „Der Augen Feuer“ (s. Z. 11) und „Das Mündlein von Korallen“ (s. Z. 13).
Jedoch sind die Beschreibungen der Schönheit immer untrennbar mit der verstreichenden Zeit und Begriffen der Vergänglichkeit verbunden, die die Bedrohung, die von der Zeit ausgeht, verdeutlichen. So wird in Strophe zwei sowohl auf die Schönheit der Geliebten, als auch gleichzeitig auf die Tatsache, dass alles vergeht, hingewiesen (vgl. Z. 5 und Z. 7 ff.).
In Strophe drei finden sich viele Gegensätze, die besonders bildhaft dargestellt werden. Auf der einen Seite wird „Der Wangen Zier“ dem Wort „verbleichen“ (s. Z. 9) und „Das Haar“ dem Begriff „greis“ (s. Z.10) gegenübergestellt und auf der anderen Seite auf „Der Augen Feuer“ und „Die Brunst“ hingewiesen, die in unmittelbarer Opposition zu Worten wie „weichen“ (s. Z. 11) und „Eis“ (s. Z. 12) stehen.
Diese Entwicklung, die die Schönheit der Geliebten, aber auch die Beziehung des Paares in der Zukunft nehmen wird, wird in Strophe vier weiter beschrieben („Das Mündlein von Korallen wird ungestalt, Die Händ als Schnee verfallen“) und gipfelt schließlich in der Feststellung „Und du wirst alt“ (s. Z. 16), die das Problem und die Angst des lyrischen Ichs ohne Umschweife klarmacht. Es ist also davon auszugehen, dass das lyrische Ich sich nicht nur der zukünftigen Veränderung des Aussehens seiner Geliebten, sondern auch einer Veränderung bezüglich der gemeinsamen Beziehung, bewusst ist. Diese Feststellung, die nach der Beschreibung der Schönheit und des untrennbar damit verbundenen Verfalls folgt, enthält einen Perspektivwechsel, denn nun wird die Geliebte erneut mit „Du“ angesprochen. Dieser Perspektivwechsel am Ende der vierten Strophe bildet auch einen Wendepunkt innerhalb des Gedichts, da das lyrische Ich in der folgenden, der fünften Strophe, nun wieder von „Wir“ spricht und eine gewisse Entschlossenheit, die Konsequenzen aus dem Problem zu ziehen und die verbleibende Zeit miteinander zu nutzen und zu genießen, zeigt. Diese Entschlossenheit wird zu Anfang von Strophe fünf (s. Z. 17) durch das Wort „Drum“ angezeigt, da dieser Ausdruck auf einen argumentativen Kontext hinweist und so verdeutlicht, dass das lyrische Ich seinen Lösungsvorschlag, nämlich die Zeit zu genießen bevor sie vergangen ist, als logische Schlussfolgerung des Sachverhalts ansieht (s. Z. 19 – 20: „Eh als wir folgen müssen Der Jahre Flucht“).
In Strophe sechs wechselt wieder die Perspektive, direkt hin zur Geliebten, die erneut mit „Du“ angesprochen wird. Durch diesen Perspektivwechsel wird der Fokus des Gedichts auf die Beziehung des lyrischen Ichs zur geliebten Person verlegt. Das lyrische Ich bittet darum, von seinem Gegenüber geliebt zu werden, da es sich der Tatsache bewusst ist, emotional von der Geliebten abhängig zu sein (s.Z. 23 – 24: „Gib mir, dass wenn du gibest, Verlier’ auch ich.“). In Strophe sechs wird der besonderen Beziehung der beiden Beteiligten zu einander noch einmal Ausdruck verliehen bevor das Gedicht schließlich endet.
V.
Dem Gedicht ist seine Herkunft aus dem Barock deutlich anzumerken, da es die eigentlich gegensätzlichen Denkweisen von Vergänglichkeitsbewusstsein und dem Wunsch, die verstreichende Zeit zu nutzen, in sich vereinigt und so auf das antithetische Lebensgefühl von „Memento Mori“ und „Carpe Diem“ aus der Epoche des Barock hinweist. Diese Antithetik ist sprachlich sehr bildhaft und durch Gegensätze, die sich unmittelbar gegenüber stehen, dargestellt und wird durch verschiedenste Stimmungen innerhalb des Gedichtes, wie zum Beispiel Eindringlichkeit, Wehmut, Entschlossenheit und Einheit verstärkt.
Weiterhin typisch für die barocke Liebeslyrik ist die Tatsache, dass sie sich sehr stark auf das damals vorhandene Lebensgefühl und der damit verbundenen Problematiken auseinandersetzt, und deshalb eher als eine Art Weltanschauungslyrik, denn als „echte“ Liebeslyrik zu verstehen ist. Im vorliegenden Gedicht „Ach Liebste, laß uns eilen“ wird dieser Aspekt der barocken Liebeslyrik vor allem dadurch hervorgehoben, dass sich das lyrische Ich fast ausschließlich auf die körperlichen Vorzüge seiner Geliebten zu konzentrieren und an deren Persönlichkeit und Gefühlen wenig Interesse zu zeigen scheint. Weiterhin steht mehr das Problem des „Memento Mori“ und des Verfalls im Vordergrund, als die Gefühle und Exklusivität einer Liebesbeziehung, die nur am Rande ( s. Strophe sechs) Ausdruck finden.
Obwohl man heute zwar nicht mehr so stark vom antithetischen Lebensgefühl von „Memento Mori“ und „Carpe Diem“ geprägt ist wie zu Zeiten des Barocks, ist das Thema des Gedichts, die Zeit mit den Menschen die man liebt so optimal wie möglich zu nutzen, immer noch aktuell, da dieser Wunsch in Menschen, die sich mit anderen emotional verbunden fühlen, zeitlos ist.
Christina, Februar 2010
