Liebeslyrik2010/Lasker-Schüler Tibetteppich
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Gedichtinterpretation
Das Gedicht „Ein alter Tibetteppich“, welches von Else Lasker- Schüler im Jahr 1910 veröffentlicht wurde, thematisiert die individuelle Liebeserfahrung zweier Menschen und die damit verbundene Vielfalt von Eindrücken und Gefühlen.
Der Titel „Ein alter Tibetteppich“ löst im Leser eine Reihe von Assoziationen aus, vor allem bedingt durch den Neologismus „Tibetteppich“.
Tibet, was nach rein geographischem Verständnis in erster Linie ein Hochland Zentralasiens bezeichnet, lässt den Leser vor allem an die Ferne, ein exotisches Land weit weg von unserer Heimat und vielleicht sogar an Fernweh denken. Mit dem Wort „Teppich“ assoziiert man meist außer Gefühlen die Gemütlichkeit, Behaglichkeit oder Farbenvielfalt ausdrücken auch eine gewisse Exotik und vielleicht sogar Mystik, bedingt durch bekannte Herkunftsländer des Teppichs oder durch dessen Erscheinen als fliegender Teppich in den Erzählungen aus Tausendundeinenacht.
Beim ersten Lesen werden diese Assoziationen der Ferne und Exotik bestätigt und durch viele neue Eindrücke erweitert. So ist vor allem die starke Bildhaftigkeit der Sprache, die durch eine Vielzahl von Neologismen und Synästhesien (?) ausgedrückt wird für das Gedicht prägend und hinterlässt so beim Leser zunächst den Eindruck eines Liebesgedichts, dessen Verständnis derselben alle Sinne mit einbezieht.
Es scheint, als wolle die Dichterin durch ihr Gedicht das individuelle Erleben von Liebe vermitteln und durch sehr bildhafte Neologismen so viele Eindrücke wie möglich beschreiben und mit einbeziehen.
Das Gedicht ist in vier Strophen zu je zwei Zeilen aufgeteilt, wobei aber die letzte Strophe aus drei Zeilen besteht. Obwohl das Gedicht zwar in Strophen aufgeteilt ist, lässt sich eine strenge, durchgängige äußere Ordnung kaum feststellen, da die Strophen mit nur jeweils zwei, bzw. drei Zeilen zum Einen sehr kurz sind, und zum Anderen auch ein Enjambement in Zeile acht vorhanden ist. Außerdem spiegelt Strophe vier, in der mit dem bisher regelmäßig angewandten Paarreim gebrochen wird, ebenfalls wider dass sich das Gedicht keiner festen und strengen Ordnung unterwirft um so dem Sprach- und Bilderreichtum besser Ausdruck verleihen zu können.
Auf gedanklicher Ebene lässt sich das Gedicht in zwei Abschnitte einteilen, zum Einen von Zeile 1 bis 4 und zum Anderen von Zeile 5 bis 9. Im ersten Abschnitt spricht das lyrische Ich sein Gegenüber an und betrachtet die Beziehung beider auf einer eher abstrakten, allgemeinen Ebene, die auch einen Bezug zur Vergangenheit und der Entwicklung der Beziehung mit einschließt. Im zweiten Abschnitt folgt eine Beschreibung des momentan erlebten Augenblicks, den das offenbar weibliche lyrische Ich mit seinem Geliebten teilt.
In Strophe eins spricht das lyrische Ich sein Gegenüber direkt an und legt die grundsätzliche Situation ihrer gemeinsamen Beziehung dar. So ist davon auszugehen, dass es sich bei der Liebe des lyrischen Ichs zu seinem Gegenüber um eine gegenseitige, erwiderte Liebe handelt, was vor allem durch das Verb „verwirkt“ (s. Zeile 2) im Bezug auf das Wort „Teppichtibet“ verdeutlicht wird. Der Neologismus „Teppichtibet“, der eine Umkehrung des Titels „Tibetteppich“ darstellt, zeigt auch durch seine sprachliche Originalität die Besonderheit der Situation und die Exklusivität der Beziehung der beiden Beteiligten.
In der zweiten Strophe werden viele einzelne Bilder durch Alliterationen, Personifikationen und einen Neologismus dargestellt, die einer näheren Beschreibung der Situation und der Beziehung des lyrischen Ichs zu seinem Geliebten dienen sollen. Zum Einen werden die beiden vom lyrischen Ich mit den Strahlen eines Sterns verglichen (s. Zeile 3), die sich „himmellang umwarben“ (s. Zeile 4). Durch das Verb „sich umwerben“ wird der Eindruck einer erwiderten Liebe verstärkt, wobei aber der Neologismus „himmellang“ auch darauf schließen lassen kann, dass die Zeit der Entwicklung und des Aufbaus der Beziehung als sehr lange andauernd wahrgenommen wird und durch das Wort „Himmel“ ebenjene Beziehung und das Bild von Liebe als etwas Unendliches oder sogar Göttliches betrachtet wird.
In der dritten Strophe beschreibt das lyrische Ich, erneut seinen Geliebten ansprechend, ein gegenwärtiges, gemeinsames Erlebnis, nämlich das gemeinsame Sitzen auf dem bereits erwähnten Tibetteppich, der nun als Kostbarkeit bezeichnet wird und auf diese Weise den vorliegenden Liebesbegriff des lyrischen Ichs näher definiert. Der Teppich dient als Symbol für die Liebe zwischen dem lyrischen Ich und seinem Gegenüber, da dieser durch dessen viele Maschen (vgl. „maschentausendabertausendweit“, s. Zeile 6) die tiefe Verbundenheit zwischen den beiden und auch eine gewisse Unzertrennbarkeit ausdrückt.
In Strophe vier definiert das lyrische Ich seinen Geliebten durch den Neologismus „Lamasohn“ näher, was schließlich die Vermutung, dass es sich um ein weibliches lyrisches Ich handeln muss, bestätigt. Der Geliebte wird als „süß“ (s. Zeile 7) beschrieben und mit einem „Moschuspflanzenthron“ (s. Zeile 7) in Verbindung gebracht. Abgesehen von einer Assoziation der Exotik die durch diesen Neologismus im Leser ausgelöst wird, weist der Begriff „Moschus“, der als Duftstoff in Parfüms verarbeitet wird und dem eine aphrodisierende Wirkung nachgesagt wird, unter Umständen auch auf eine starke körperliche Bindung zwischen lyrischem Ich und seinem Gegenüber hin. Die Tatsache, dass der Geliebte auf einem Pflanzenthron dargestellt wird, könnte außerdem ein Hinweis für die Bewunderung des lyrischen Ichs sein, dass es für die geliebte Person empfindet.
Im Gedicht sind die Vokale a, o und u vorherrschend, die ihm einen weichen und runden Klang verleihen. An einigen Stellen werden aber auch selten einige i- und e –Vokale eingefügt, die eine eher aufhellende Wirkung haben und sich gut in die Bildhaftigkeit des Gedichts und die starke Betonung optischer Eindrücke fügen.
Im Bezug auf die Verwendung von Farbsymbolik ist zu sagen, dass das Gedicht als optisch sehr vielfältig und farbig wahrgenommen wird, obwohl nicht ein einziges Mal eine bestimmte Farbe erwähnt wird. So wird in Zeile 9 erneut durch die Wortschöpfung „buntgeknüpft“ die farbenfrohe und eindrucksvolle Stimmung betont.
Im Großen und Ganzen kann der Teppich als ein Symbol für das Verständnis des Liebesbegriffs des lyrischen Ichs angesehen werden, da der Teppich durch seine verschiedenen Farben zum Einen die Vielfalt der emotionalen Eindrücke, die das Gefühl des Verliebtseins mit sich bringt unterstreicht, und zum Anderen auch Ausdruck der starken Bindung zwischen lyrischem Ich und dessen Geliebten, der als etwas Bewundernswertes und Exotisches dargestellt wird, ist. Dabei spiegeln die vielen Machen des Teppichs wider, dass beide unzertrennlich sind und ihre Liebe als etwas Kostbares anzusehen ist. Um ebenjenes Gefühl beschreiben zu können, scheinen dem lyrischen Ich die allgemein gebräuchlichen Adjektive nicht mehr auszureichen. Aus diesem Grund besteht die Notwendigkeit neue Worte, Neologismen, zu erfinden um die Situation in ihrer Vielfalt und Einzigartigkeit beschreibbar zu machen.
Dem Gedicht ist seine Herkunft aus dem Expressionismus deutlich anzumerken, da die experimentelle und eigenwillige Sprache Lasker- Schülers, die vor allem visuelle Kontraste hervorhebt, die hohe Sprachoriginalität , die auch als Gegensprache zur oft schmucklosen, nüchternen Alltagssprache gesehen wird, deutlich macht. Obwohl in diesem Gedicht die bevorzugten Themen des Expressionismus, wie zum Beispiel die Ohnmacht des Individuums in einer von Maschinen bestimmten, Gott verlassenen Welt als Folge der Verstädterung und des Verfalls moralischer Werte, keine Verwndung zu finden scheinen, könnte die vom lyrischen Ich im Gedicht beschriebenen Situation auch eventuell als Flucht des lyrischen Ichs in eine andere Welt voller Farben und zwischenmenschlicher Nähe gesehen werden. Würde man hier Tibet als den fiktiven Zufluchtsort ansehen, so ließe sich auch unter Umständen die Intention Lasker- Schülers, nämlich einen exotischen, in unserer Vorstellungskraft weit entfernten Ort als eine Art „Gegenwelt“ zum rauen Alltag zu schaffen, erklären. Jedoch wird das beschriebene Geschehen nicht nur an einen anderen Ort verlegt, sondern auch mit einer Liebesbeziehung in Verbindung gebracht, die ebenjene Situation nicht nur einzigartig, sondern auch emotional werden lässt. Folgt man diesem Gedankengang, repräsentiert der Geliebte also gewissermaßen eine Art emotionalen Zufluchtsort für das lyrische Ich.
Das Gedicht ist in seinem Farbenreichtum und seiner fantasievollen Art, sinnliche Eindrücke in ästhetische Neologismen zu verwandeln sehr gelungen und schafft es auf diese Weise, dass sich der Leser sofort in die dargestellte Situation findet, sich mit ihr identifiziert und seine Vorstellungskraft auf den so vielseitig beschriebenen Moment lenkt.
- von C.S. im Juli 2010.
- Vielen Dank! (K.D.)
