Lyrik/Liebeslyrik2010/Goethe Willkommen

Aus HöGyWiki

Wechseln zu: Navigation, Suche

Gedichtinterpretation: Johann Wolfgang von Goethe – Willkommen und Abschied (1771)

I.

Das Gedicht „Willkommen und Abschied“ von Johann Wolfgang von Goethe wurde im Jahr 1771 verfasst, ist also der „Sturm und Drang“ genannten literarischen Strömung zuzuordnen. In diese Epoche gehört es auch, da sehr viele typische Gedanken des Sturm und Drangs, wie die Liebe, die Natur, das Göttliche, Liebesglück und Liebesleid, vereint in einem Stück vorkommen. Das Gedicht hinterlässt beim ersten Lesen das Gefühl von Freude aber auch von Trauer. Schon der Titel legt die Vermutung nahe, dass das Gedicht von einem freudigen Wiedersehen („Willkommen“) und von einem traurigen „Abschied“ handelt.

II.

Das Gedicht ist aus der Perspektive eines lyrischen Ich geschrieben, welches, an der Schreibweise von Goethe erkennbar, männlich und jung zu sein scheint. Dieser Mann befindet sich auf einem spätabendlichen Ritt zu seiner Geliebten, die ihn schon nach einer kurzen Zeit nach dem Wiedersehen wieder verlässt. Von der Thematik des Gedichts in den ersten beiden Strophen her kann es als Naturgedicht bezeichnet werden, doch aufgrund des Themas in den letzten beiden Strophen kann man auch die typischen Gedanken der Liebeslyrik gut erkennen.

III.

Das Gedicht besteht aus vier Strophen zu je acht Versen. In der ersten, zweiten und vierten Strophe handelt es sich um einen Kreuzreim. In der dritten Strophe reimt sich nur jeder zweiter Vers. In allen Strophen wird der 4-hebige Jambus als Metrum verwendet. Der formale Aufbau gestaltet sich also ziemlich regelmäßig. Sprachlich gesehen, benutzt Goethe einen sehr emotionalen Stil worauf zum Beispiel das Wort „Herz“, das sogar in allen vier Strophen verwendet wird, hinweist. Die Häufigkeit an Personifizierungen hilft dem Dichter die Stimmung, in der sich das lyrische Ich befindet, besser ausdrücken zu können. Auf weitere Stilmittel gehe ich im Folgenden genauer ein.

IV.

In der ersten Strophe wird die Natur, die den Reiter auf seinem Weg zu seiner Liebsten umgibt, beschrieben. Das lyrische Ich gibt aber auch von sich etwas preis, nämlich dass er schon sehr aufgeregt ist seine Geliebte bald wieder sehen zu können und dass er sich in Eile befindet, also wegen seiner Sehnsucht so schnell wie möglich ankommen möchte. Das wird einem beides in der ersten Zeile klar. Da sich das „es“ am Anfang der ersten Zeile zu Beginn der zweiten Zeile wiederholt, kann man dort auch von einer Anapher sprechen. Die erste Strophe beinhaltet viele Personifikationen, wie zum Beispiel in der dritten Zeile („Der Abend wiegte schon die Erde“). Dies verdeutlicht die schauerliche, düstere Atmosphäre, die in dieser Strophe vorherrscht. Durch die Übertreibung des Dichters in der achten Zeile, wo die Finsternis „mit hundert schwarzen Augen“ aus dem Gebüsch blickt, wird gezeigt, dass die Angst des lyrischen Ich in dieser dunklen Umgebung immer größer wird.

In der zweiten Strophe wird die schauerliche Atmosphäre der ersten Strophe fortgeführt. Auch hier wird durch viele Personifizierungen (z.B. „Die Winde schwangen leise Flügel“ in Zeile 11) die Umgebung weiter beschrieben. Durch das nochmalige Auftreten des „f“ am Anfang zweier Worte in Zeile 14 („frisch und fröhlich“) kann man hier eine Alliteration erkennen. In dieser zweiten Strophe findet ein Umschwung statt. Von der zuvor noch ausführlich geschilderten Natur findet man jetzt kein Wort mehr. Stattdessen kommen nun die Gefühle des lyrischen Ich direkter zum Ausdruck. So wird auch in den letzten beiden Zeilen der zweiten Strophe mit „In meinem Adern welches Feuer! In meinem Herzen welche Glut! “ die Aufregung, Freude und der Eifer des lyrischen Ich geschildert. Dies wird durch den Parallelismus in den abschließenden zwei Zeilen hervorgehoben.

Während zuvor die düstere, dunkle Stimmung mit den Worten „Nacht“, „Finsternis“ und „schwarz[en]“ zum Ausdruck gebracht wurde, so gibt es nun einen Kontrast. In der dritten Strophe herrscht jetzt nämlich mit Worten wie „rosenfarbnes Frühlingswetter“, „liebliche[s] Gesicht“ oder die „Zärtlichkeit“ die Freude des lyrischen Ich bei dem jetzt stattfindendem Wiedersehen vor. Die dritte Strophe beinhaltet die Beschreibung der Geliebten bei der nur Vorzüge dieser Frau genannt werden, was auch schon sehr typisch im Barock war. Die drei Enjambements in dieser Strophe spiegeln eine fließende Bewegung der Gefühle wieder. In dieser dritten Strophe kommen auch die oben schon genannten Götter ins Spiel. Diesen dankt der Reiter, eine so schöne Frau seine Geliebte nennen zu dürfen. Insgesamt kann man zu dieser Strophe sagen, dass darin die freudigen Gefühle des lyrischen Ich verdeutlicht werden.

In der vierten Strophe tritt dann der schon im Titel benannte Abschied, ohne ein paar Worte über den gemeinsamen Aufenthalt, ein. Hier werden die Trauer und die Bedrücktheit des lyrischen Ich, zum Beispiel durch die Worte „bedrängt“ und „trübe“ in Zeile 25, hervorgehoben. Der Ausnahmezustand, in dem sich die beiden gerade befinden, nämlich zu lieben und geliebt zu werden, wird durch der weiteren Personifikation in Zeile 26, in der der Reiter sogar in den Blicken seiner Liebsten die Wünsche des Herzens lesen kann, verdeutlicht. In den darauf folgenden Zeilen wird ein totaler Gegensatz geschildert. Hier beschreibt der Dichter sowohl die „Wonne“ als auch den „Schmerz“, den das lyrische Ich gerade fühlt. In Zeile 29 verwundert mich die Situation doch sehr, dass nicht wie angenommen der Reiter die Geliebte wieder verlassen muss, sondern umgekehrt. Die Intensität der Gefühle des lyrischen Ich wird mit dem „nassen Blick“ in Zeile 30 hervorgehoben. Die letzten zwei Zeilen drücken nochmals die Dankbarkeit aus, die der Reiter den Göttern gegenüber empfindet. Er ist nämlich, trotz dem Schmerz der meistens mit der Liebe verbunden ist, glücklich lieben, und geliebt werden zu können. Dies wird in einem Chiasmus ausgedrückt.

V.

Dem Gedicht merkt man seine Herkunft aus dem 18. Jahrhundert durch die typische Thematik, die Naturbeseeltheit und auch durch die formale Gestaltung deutlich an. Ich denke die Aussageabsicht des Autors ist vor allem die Intensität der Gefühle, die man empfindet wenn man verliebt ist, und dass es sich, trotz des vielleicht auftretenden Schmerzes, lohnt zu lieben. Das Gedicht ist in seinem Gedankengang mühelos nachvollziehbar und dadurch, dass das Thema auch heute noch aktuell ist, für mich gelungen.

Persönliche Werkzeuge