Kleists Sprache

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Thomas Mann: Heinrich von Kleist und seine Erzählungen (1954)

„Kleists Erzählsprache ist etwas absolut Singuläres. Es genügt nicht, sie ‚historisch‘ zu lesen, - auch zu seiner Zeit hat kein Mensch so geschrieben wie er. Sind seine Stoffe herausfordernd, sein Vortrag ist es nicht minder, und seine Zeitgenossen, einige kunsterfahrene Bewunderer ... ausgenommen, haben ihn ungenießbar manieriert gefunden. Und doch kann von Manieriertheit nicht die Rede sein, wo soviel Ernst, Natur, persönliche Notwendigkeit herrschen. Ein Impetus, in eiserne, völlig unlyrische Sachlichkeit gezwungen, treibt verwickelte, verknotete, überlastete Sätze hervor, in denen immer wieder mit verschachtelten „dergestalt, daß“-Konstruktionen gewirtschaftet wird und die geduldig geschmiedet und zugleich von atemlosem Tempo gejagt wirken. Er bringt es fertig, eine indirekte Rede von 25 Druckzeilen ohne Punkt-Pause hinzulegen, worin nicht weniger als dreizehn „daß“ hintereinander herhetzen, mit einem „kurz, daß“ am Ende, welches aber das Ende nicht ist, denn es folgt noch ein „und daß“. Berühmt als Meisterstück gedrängter Exposition ist der Anfangssatz des „Erdbebens von Chili“, der mit souveräner Sachlichkeit alles Nötige unterzubringen und in schöner Gliederung auf einmal anzusprechen weiß: „In St. Jago, der Hauptstadt des Königreichs Chili, stand gerade in dem Augenblicke der großen Erderschütterung vom Jahre 1647, bei welcher viele tausend Menschen ihren Untergang fanden, ein junger, auf ein Verbrechen angeklagter Spanier, namens Jeronimo Rugera, an einem Pfeiler des Gefängnisses, in welches man ihn eingesperrt hatte, und wollte sich erhenken.“ In diesem außerordentlichen Stil sind Geschichten erzählt, von denen keine es an Außerordentlichkeit fehlen lässt.“

Thomas Mann, Leiden und Größe der Meister, Fischer Verlag 1982, S. 505

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