Kafka09/Lesarten
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Politisch-soziologische Deutung
Hier wird Kafkas Werk nach seinem geselllschaftspolitischen Gehalt untersucht. Je nach Blickwinkel kommen so unterschiedliche Interpretationen zustande. Sieht etwa die marxistische Deutung Gericht und Prozess als "Abbild der undurchschaubaren Welt des Kapitalismus", so interpretiert die mehr soziologische Richtung beide als "Abbild der modernen, verwalteten Welt" und der "Verselbstständigung der Bürokratie".
So bleibt auch im demokratischen Staat der aufgeblähte bürokratische Apparat sehr häufig dem Bürger in seinem Sinn undurchschaubar, so sehr ihn jener auch kontrolliert und unterdrückt. Die unendliche Vervielfältigung der Türhüter ("Legende"), die Gewalthaber, die als Richter in Dachböden hausen, sind eine Satire darauf. Nun lässt sich das Wort "kafkaesk" auf das labyrinthisch-bedrohliche der modernen Bürokratie anwenden.Wie in einem Katz-und-Maus-Spiel quält eine Behörde den Bürger, stellt sich mächtiger dar, als sie ist, oder: ist noch mächtiger, als man ahnt. Das "Gericht" ist die unsichtbare Instanz, die den Menschen durch Zurückweisen erniedrigt, es hüllt sich in ein Geheimnis, das nicht zu ergründen ist. In K.s zähen Versuchen, zu ihm vorzudringen, erweist sich die Sinnlosigkeit seiner Mühen ebenso sehr wie die damit verbundene Demütigung.
Die Deutung geht sogar soweit hinaus, dass man Kafkas Prozess "Prophezeihung von Terror und Folter" während der NS-Herrschaft bezeichnen kann: den faschistischen Terror, unter dem oft niemand wusste, was von ihm gefordert wurde, die Nichtbeachtung aber dennoch den Kopf kosten konnte. Kafka habe in seinen Werken schon die Stimmung wiedergegeben, die nach Hitlers Machtübernahme in Europa herrschte. Josef K. meint in seinem Plädoyer, sein Fall sei kein besonderer, sondern ein "Zeichen eines Verfahrens wie es gegen viele ausgeübt wird"(S.35,Z.10f). Die genaue Beschreibung der schwarzen Kleidung der Wächter, "die mit verschiedenen Falten, Taschen, Schnallen, Knöpfen und einem Gürtel" versehen (S.5,Z.11f) ist, erschien den Emigranten und vom Naziregime Verfolgten wie eine Vorwegnahme der SS-Uniform. "Ich bin zum prügeln angestellt, also prügle ich" (S.60,Z37), sagt der Prügler. Die Antwort sei identisch mit jenen Antworten, die die Angestellten der deutschen Vernichtungslager im Verhör gegeben haben.
Religiöse Deutung
Diese Interpretationen gehen häufig von den "religiösen Motiven" im Roman aus
So werden das Gericht als göttliche Instanz und K.s Schuld als Symbol der Erbsünde gesehen. Aber auch die Ähnlichkeit mit den Vorstellungen der spätantiken Gnosis wird herausgestellt, ertwa die Abwesenheit und Unerreichbarkeit Gottes oder das Festgehaltenwerden auf dieser (Gefängnis-)Welt durch böse Geister (die Diener des Gerichts). Auch Kafkas jüdische Herkunft und seine Beschäftigung mit der jüdischen Mystik der Kabala glaubt man im Roman wiederzufinden. Nach der Kabala, der jüdischen Geheimlehre, gibt es himmlische Gerichte, die ständig im Geheimen tagen und vom Einzelnen ganz unerwartet Rechenschaft fordern: durch einen Albtraum, durch eine Erkrankung, durch den Tod. Dass K. gleich nach der Verhaftung "einen schönen Apfel (S.10,Z.8f) isst, ist eine Anspielung auf den Sündenfall. Die Gelehrsamkeit des Gefängniskaplans gleicht der Spitzfindigkeit der jüdischen und auch christlichen Theologie. Vor der Hinrichtung erhebt K. die Hände in der Gebetshaltung Moses´. In der Form ähneln Kafkas Erzählungen den Parabeln des Alten und Neuen Testaments.
Jedoch kann man aus den religiösen Elementen eine religiöse Botschaft ableiten: Josef K. müsse nur seine Schuld eingestehen, dann könne er (im religiösen Sinn) erlöst werden. Stattdessen hält er im ganzen Roman beharrlich an seiner Unschuld fest.
So endlos, komplex und sich dem menschlichen Verstand entziehend hier die Suche nach dem Sinn der Heiligen Schrift ist, ist K.s Suche nach dem "Sinn" des Gerichts.
Psychologische Deutung
Josef K. beteuert immer wieder seine Schuldlosigkeit. Für den aufmerksamen Leser zeigen sich jedoch in K.s "Fehlleistungen" unbewusste Schuldgefühle und eine versteckte "Neigung zu Aggressivität, zu sexuellen Fantasien und zu einer Reinlichkeitsneurose."
Die Tatsache, dass K. bei der "Ersten Untersuchung" sofort in die Offensive geht und sich aggressiv verteidigt, wird als Beweis für unbewusste Schuldgefühle gewertet. Wenn er sich wirklich unschuldig fühlte, würde er zuerst einmal abwarten, was man ihm konkret zur Last legt. Schon bei der Verhaftung deutet seine Unsicherheit auf unbewusste Schuld hin.
Die zahlreichenn Autoritätsfiguren, wie etwa der Türhüter, schließen auf die unbewusste, aus der Kindheit stammende und verdrängte Angst vor dem übermächtigen Vater, welcher in Form von Ersatzfiguren (Onkel, Richter, Vorgesetzte) auftaucht. So spielt in Kafkas Werk der Vater-Sohn-Konflikt eine "übermächtige" Rolle. Man kann sogar eine einlinige Gleichsetzung der Hauptgestalt mit ihrem Schöpfer vornehmen.
