Kafka09/Kündigung
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Sehr geehrter Dr. Huld,
nach dem unwürdigen Schauspiel, das Sie mir bei meinem letzten Besuch, boten, kam ich nicht mehr dazu meine Kündigung endgültig zu bekräftigen. Mit diesem Brief möchte ich dies leisten und auf meine Bewegründe eingehen.
Urteilen Sie nicht falsch über mich, denn ich erkenne durchaus, und ohne meine eigene Position ihnen gegenüber zu schwächen, ihre Fähigkeit Beziehungen vorteilhaft zu nutzen an. Auch die Freundschaft zu meinem Onkel, den ich sehr schätze, rechne ich ihnen positiv an.
Trotzdem überwiegen die Gründe ihnen meine Vertretung vor Gericht zu entziehen, da ein energischeres Vorgehen in meinem Prozess von Nöten ist. Ihre stundenlangen, detailreichen Schilderungen des Gerichts und ihrer Tätigkeit, die Sie bei unseren Treffen zu halten pflegen und die ich nicht bei der Abrechnung beachten werde, mögen einerseits recht interessant sein und einen tieferen Blick in das Gericht bieten, sind aber andererseits in keiner Weise vorteilhaft für den Verlauf meines Prozesses. Sie selbst erkennen an, dass der Einfluss der Advokaten auf das Gericht von diesem beschränkt wird. Folglich ist ein verstärktes Eingreifen, die Ausnutzung des gesamten möglichen Einflusses, unabdingbar. Ihre Bemühungen scheinen allerdings keine oder nur geringe Früchte zu tragen. Es stellt sich die Frage, ob ihre Beziehungen ausreichen positiv auf meinen Prozess zu wirken. Eine gut ausformulierte Verteidigungsschrift meinerseits kann eine größere Wirkung entfalten. Zusätzlich habe ich eigene Helfer geworben und somit mein eigenes Beziehungsnetzwerk aufgebaut, das vorteilhafter als Sie auf das Gericht wirkt.
An dieser Stelle möchte ich auf das entwürdigende Schauspiel ihrerseits eingehen, das mich in meiner Entscheidung, ihnen meine Vertretung zu entziehen, durchaus gestärkt hat. Jetzt, mit zeitlicher und örtlicher Distanz zu der Situation, zu ihnen und ihrer Fähigkeit Menschen zu beeinflussen, die ich wieder ohne eigene Schwächung anerkennen kann, urteile ich über dieses Ereignis schärfer als es vor Ort möglich gewesen wäre.
Der Kaufmann Block hat sich in eine anscheinende Abhängigkeit von ihnen begeben, was für den Verlauf seines Prozesses offensichtlich unvorteilhaft erscheint. Ich komme zu diesem Urteil anhand der Tatsache, dass sich seine Sache fünf Jahre hinzog, ohne das sein Prozess überhaupt begann. Ihr Unvermögen oder eventuell ihre Unlust einen Prozess zu beenden, wird hier deutlich und ich hoffe Sie nicht zu kränken, wenn ich vermute, dass Sie Prozesse eher im Hinblick auf ihren eigenen beruflichen Erfolg betrachten. Folglich das Wohl des Angeklagten für Sie im Hintergrund steht. Bedenkt werden muss zusätzlich, dass Sie dem Kaufmann Block nicht nur in prozessualer Hinsicht einschränken, sondern ihm, durch ihre eindeutig übergeordnete Rolle, körperlich und geistig schaden. Ich habe den Kaufmann Block zwar nicht beim Vollbesitz seiner Fähigkeiten kennen gelernt, aber es lässt sich erahnen, was für ein Mensch dieses Häufchen Elend einmal war.
Für mein eigenes Wohl, in prozessualer und somit persönlicher Hinsicht, ist es unabdingbar, dass ich nicht in eine Abhängigkeit von ihnen begebe. Die einzig logische Konsequenz ist ihre Kündigung.
Hochachtungsvoll
Josef K.
