Kafka09/Der Nachbar
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Franz Kafka: Der Nachbar
- - Eine Kollektivinterpretation des Deutschkurses 12 (Okt. 07)
I. Basissatz, Kurzvorstellung des Autors, Assoziation mit dem Titel
- Die Kurzgeschichte „Der Nachbar" von Franz Kafka aus den Oktavenheften von 1918/19 handelt von einem selbstständigen Geschäftsmann, der sich auf Grund von Misstrauen und Anonymität in paranoide Wahnvorstellungen hineinsteigert.
- Der Autor, bekannt durch seinen nüchternen Schreibstil, lebte von 1883- 1924. Er war Angestellter in einer Versicherungsanstalt und hasste seine Arbeit. Seine Berufung, das Schreiben, wurde durch die Arbeit in den Hintergrund gerückt. In „Der Nachbar" verarbeitete Kafka vielleicht seine eigenen Erfahrungen als Büroangestellter.
II. Textbeschreibung: Kurzinhalt, Thematik
- Die Kurzprosa thematisiert die zunehmende Paranoia eines zu Beginn erfolgreichen, zufriedenen Mannes, welcher ein gut laufendes Geschäft leitet.
- Eines Tages zieht ein neuer Nachbar in die Wohnung, welche der Mann mieten wollte, jedoch zögerte, dies auch wirklich zu tun. Er weiß nicht sehr viel über seinen neuen Nachbarn, mit Ausnahme seines Namens, und der Tatsache, dass dieser immer sehr beschäftigt zu sein scheint.
- So fängt er an, sich Handlungen vorzustellen, die sein Nachbar tätigen könnte. Zum Beispiel bildet er sich ein, dass dieser kein Telefon habe, und auch keines bräuchte, da er durch die dünnen Wände seine Telefonate belausche und möglicherweise noch gegen ihn arbeite.
- Es entwickelt sich im Laufe dieses inneren Monologes also ein immer stärker werdende Verfolgungswahn.
III. a) Erzählperspektive/Darbietungsform
- Die Erzählperspektive ist bei diesem Text die Ich-Perspektive. Sie ist subjektiv und fragmentarisch. Im ersten Teil des Textes wird in einem sachlichen Monolog erzählt, der einem Erzählbericht sehr ähnelt, wohingegen am Ende der Monolog spekulierend und gefühlsbedrohend erzählt wird.
- Die Darbietungsform ist ein einfacher, sachlich-nüchterner Berichtstil, der das Dramatische abschwächt. Die Kurzatmigkeit der Satzteile beschleunigt wiederum das Geschehen. Die Hauptfigur befindet sich in einem inneren Monolog, der am Anfang noch wie ein Erzählbericht wirkt.
b) Gliederung in Sinneinheiten und Entwicklung
- Der Text kann in fünf Abschnitte gegliedert werden. Im ersten Abschnitt (Z. 1-5) wird die Arbeitssituation des Mannes in Form eines Erzählberichts neutral beschrieben. Er hat Vertrauen in sich und seine Mitarbeiter und die Geschäfte laufen gut. Im nächsten Abschnitt (Z. 6-17) ist der Ton, in dem erzählt wird, schon nicht mehr so vertrauensvoll und voller Glaube an sich selbst. Schuld daran ist ein neu zugezogener Nachbar, der in das geordnete Leben des Mannes einbricht. Er hat sich die Wohnung gemietet, die eigentlich der Mann mieten wollte und somit das Misstrauen erweckt. Der Mann bewertet sich selbst als ungeschickt, dass er die Wohnung nicht sofort selbst gemietet hat. Diese Unzufriedenheit mit sich selbst führt zu einer Bewertung des Nachbarn, die in das Negative geht, obwohl keinerlei Anzeichen für etwas Negatives genannt werden. Im dritten Abschnitt (Z. 18-22) wird das Misstrauen des Mannes gegenüber seinem Nachbarn, der Harras heißt, immer fortgeschrittener. Er begegnet ihm. Dies ist eine Begegnung zwischen einem möglicherweise sehr selbstbewussten Nachbarn und einem zunehmend verunsicherten Mann, der versucht, den so selbstbewussten Nachbarn in einer Form zu entwerten. Im vierten Abschnitt (Z. 23-31) steigert sich der Mann noch mehr in sein Misstrauen gegenüber Harras hinein. Er glaubt, er würde ihn belauschen und ihm seine Geschäfte stehlen. Das Ganze grenzt schon an eine Art Verfolgungswahn. Im fünften und letzten Abschnitt erreicht die Unsicherheit ihren Höhepunkt. Der Nachbar wird als Schmarotzer dargestellt, der nach Empfinden des Mannes nichts anderes zu tun hat, als an der Wand zu lauschen und dem Mann seine Arbeit wegzunehmen. All diese Vorwürfe werden im Text weder belegt noch gibt es dafür Anzeichen. All das sind die Wahnvorstelllungen eines sich verfolgt fühlenden Geschäftmannes.
c) Sprachliche Gestaltung
- Die Geschichte ist durchgehend im Präsens verfasst. Auch die sprachlichen Mittel ziehen sich durch die ganze Geschichte hindurch: Auf der Satzebene lässt sich beschreiben, dass meist Parataxe vorkommt. Insbesondere im ersten Absatz trägt diese noch zur ausführlichen und detaillierten Beschreibung der Umstände bei, gegen Ende der Geschichte verstärkt sie die zahlreichen spekulativen und psychopathischen Denkstrukturen des Ich-Erzählers. Des Weiteren werden im ersten Absatz deutlich mehr beschreibende Substantive verwendet, als in den folgenden fünf Absätzen. Auffällig ist, dass sich diese die ganze Geschichte hindurch immer wiederholen (z.B. Geschäft, Zimmer, Arbeitsapparat und Telefon).
- In Zeile vier ist eine Wiederholung von Satzteilen erkennbar: „Ich klage nicht, ich klage nicht“, ein stilistisches Mittel, um Inhalte mit besonderer Gewichtung zu versehen. Der Ich-Erzähler möchte wohl als neidlos und zufrieden erscheinen.
- Im dritten Absatz wird die Beziehung zwischen dem Ich-Erzähler und dem Nachbarn durch starke Gegenüberstellung der Subjekte beschrieben. („Ich“ sowie „Er“). Zudem findet sich im dritten Absatz eine Metapher: „Wie der Schwanz einer Ratte…“ (Z. 21). Dieses Bild stellt den Gravitationspunkt der Geschichte dar. Zum ersten Mal wird durch die Metapher die Haltung des Ich-Erzählers gegenüber dem Nachbarn angedeutet.
- In Zeile 39 bzw. 41 fällt zudem noch eine Wortwiederholung auf: „Vielleicht wartet er gar nicht…“ und „ist er vielleicht schon…“ Diese, sich im selben Satz befindliche Wortwiederholung unterstreicht das Abstraktum der Gedankengänge des Ich-Erzählers.
IV. Zusammenfassung
- Abschließend kann man sagen, dass der Ich-Erzähler unter Wahnvorstellungen, unter paranoiden Zügen leidet. Außerdem wertet er seinen Nachbarn Harras ab, obwohl er noch nie ein Wort mit ihm gewechselt hat, geschweige denn es versucht hat. Dieser Ich-Erzähler lebt in einer Welt, in der, wie er denkt, alle Menschen hinterlistig und diebisch sind.
- Nachbarn leben in engster Nähe beieinander und kennen sich oft trotzdem nicht. Sie teilen sich einen Heimatort, eine Straße, ein Dach und doch wissen sie nicht was in der Wohnung des Anderen vor sich geht. Und so passiert es schnell, dass sie meinen zu wissen, was der Andere gerade macht, was er denkt und wie er handelt, doch dies können nur Vermutungen sein. Vorurteile, Voreingenommenheit und Unsicherheit mögen die Folge sein.
- Mit dieser Kurzpraosa will Franz Kafka uns zeigen, was passieren könnte, wenn wir mit Menschen, mit denen wir täglich zu tun haben, uns nicht angemessen austauschen um so Missverständnisse auszuräumen.
V . Einordnung in textübergreifende Zusammenhänge
- zum Beispiel:
- autobiografische Zusammenhänge (Entstehungsgeschichte, Inspirationen/Anregungen, Schlüsselerlebnisse, Schreibsituation)
- intertextuelle Bezüge (zu anderen Texten in Kafkas Werk, Bezugnahmen auf andere Werke, Vorbilder)
- literaturgeschichtliche Einordnung (Epoche, Zeitgeist, Zeitgeschichte)
