Kafka09/Brief an Leni
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Brief von Josef K. an Leni - Warum ich nicht mehr kommen kann
Liebste Leni,
ich muss dir leider mitteilen, dass dieser Brief mein letzter Kontakt zu dir sein wird. Ich habe dem Advokaten Huld meine Kündigung zugesandt. Du glaubst vermutlich, ich hätte überstürzt gehandelt, doch ich habe es mir wohl überlegt. Die Machtdemonstration des Advokaten an Block, welche du gutgeheißen und unterstützt hast, hat mich nicht umstimmen können, im Gegenteil, sie hat meine Überzeugung, dass die Kündigung sinnvoll und notwendig ist, noch bestärkt.
Zunächst störte ich mich an der Untätigkeit des Advokaten in Form des Ausbleibens der ersten Eingabe. Doch nun kommt mir seine Untätigkeit sehr gelgen. Blocks Verfassung hat mich abgeschreckt. Ich möchte nicht enden wie er, will nicht vom Gericht so zerfressen werden. Ich werde meinen Kopf frei von Gedanken machen, mich nicht mehr mit dem Gericht beschäftigen, mich meinem Schicksal fügen. Dann kann ich nicht zerfressen werden. Ich werde niemanden anflehen, wie ein winselnder Hund - wie Block es tut.
Block ist ein dummer Mann, er glaubt er könne etwas erreichen. Doch einen Prozess, dessen Inhalt selbst dem Angeklagten unbekannt ist, kann der Angeklagte nicht gewinnen, man kann ihn allerhöchstens, und auch dies nur unter stetiger Anstrengung, hinauszögern. Durch diese Anstrengung, welche für die Prozessverzögerung notwendig ist, wird man dann vom Gericht aufgefressen. Dann hat man nichts davon, das Leben zu verlängern und dafür eingeschüchtert, krank und gebrechlich zu leben macht für mich keinen Sinn. Wenn ich diese Verzögerung unterlasse, so werde ich auch nicht krank vom Gericht, da ich weder physisch noch psychisch Kontakt zum Gericht habe. Ohne diesen Kontakt verhindere ich dem Gericht den Zugang zu meiner Person. So leiste ich Widerstand gegen das Zerfressen meiner Persönlichkeit durch das Gericht, nicht aber gegen den Prozess selbst.
Wenn ich gegen den Strom des Gerichts schwimmen würde, so würde der Prozess, bis ich am Fluss unten ankomme, zwar länger dauern, aber ich würde zuviel Kraft aufwenden müssen. Ich würde krank werden. Wenn ich aber mit dem Strom des Gerichts treibe, so brauche ich zur Fortbewegung keine Kraft, habe also genug Kraft, um mich über Wasser zu halten.
Leni, du bist durch den Advokaten leider zu eng mit dem Gericht verknüpft, da ich aber jeglichen Kontakt zum Gericht meiden will, werde ich dich leider auch nicht mehr besuchen können.
Ich verabschiede mich in Liebe,
Josef K.
Verfasst von P.P.
