Kafka09/Auswege
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(1) Ratschläge für Josef K.
Dialog mit einem Geistlichen, der sich ebenfalls im Dom befindet und das Gespräch mit dem Kaplan mitbekommen hat.
G: Josef K.! Josef K.!
K: (sich dem Geistlichen zugewandt) Ja, bitte. Wer sind Sie? Was wollen Sie von mir?
G: Ich habe Ihr Gespräch mit dem Kaplan mitbekommen.
K: Ah, Sie haben uns also belauscht?
G: Nein, nein. Es war wohl nicht zu überhören, als der Kaplan Ihren Namen durch den Dom rief. Daraufhin bin ich aufmerksam geworden, da ich bereits von Ihrem Prozess gehört habe. Ich möchte Ihnen helfen, da ich mir ein paar Gedanken zu Ihrer Situation gemacht habe.
K: Wie wollen Sie mir denn helfen und warum machen Sie sich Gedanken über meinen Prozess?
G: Das tut doch nichts zur Sache. Sie sehen so schlecht aus, der Prozess scheint sie ganz schön mitzunehmen.
K: Ja das stimmt. Der Prozess nimmt mich seelisch in Anspruch, raubt mir meine Arbeitszeit und meine Nerven.
G: Sehen Sie und genau deswegen will ich Ihnen helfen. Hören Sie mir kurz zu?
K: Wenn Sie meinen, dass es etwas bringt, bitte. Aber mir scheint das Ganze bereits ausweglos.
G: Herr K., Sie müssen lernen sich nicht gleich aufzugeben, sondern selbstsicherer zu wirken und Entscheidungen zu treffen, die Ihrem Willen entsprechen. Lassen Sie sich nicht immer von ihren Mitmenschen beeinflussen. Das ist auch Ihr Problem in Ihrem Prozess. Beispielsweise waren Sie doch fest entschlossen, dem Advokaten zu kündigen. Jedoch wollten Sie sich erst Lenis Meinung einholen. Das wäre sinnlos gewesen, denn wenn Sie denken, es ist richtig dem Advokaten zu kündigen, sollten Sie sich nicht durch ihre Mitmenschen verunsichern und davon abbringen lassen.
K: Aber manchmal ist es besser, sich noch eine Meinung einzuholen? Oder fragen Sie nie ihre Mitmenschen nach deren Meinung?
G: Doch natürlich, aber Sie fragen die Falschen, wie mir scheint. Erkennen Sie nun auch die Parallelen ihres Prozesses zu der Legende "Vor dem Gesetz": Auch der Mann vom Lande war ganz auf den Türhüter fokusiert, wie Sie sich nur auf Ihren Prozess konzentrieren und alles andere vernachlässigen. Sie sehen nicht mehr, was um Sie herum passiert. Sie leben nicht mehr Ihr Leben, sondern lassen sich Ihr Leben diktieren. Seien Sie offener und lassen Sie sich nicht Ihre Lebenweise von dem Gericht vorschreiben.
K: Und Sie meinen, dadurch gewinne ich meinen Prozess?
G: Um das beurteilen zu können, habe ich zu wenig Einblick in Ihren Prozess. Jedoch könnten Sie so ihr Leben ein wenig genießen und den Prozess gelassener angehen.
K: Wenn Sie meinen. Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe.
(2) Ratschläge für Josef K.
Brief vom Direktor an K.
Sehr geehrter Josef K.,
aufgrund ihres Prozesses, von dessen Existenz ich erst seit kurzem weiß, möchte ich in diesem Schreiben Ihnen einige Ratschläge unterbreiten.
1. Versuchen Sie, ihren gewöhnlichen Tagesablauf wieder aufzunehmen und nicht all zu viele Gedanken an den Prozess zu verschwenden.
2. Verhalten Sie sich gegenüber dem Gericht und den vertretenden Beamten höflich und kooperationsbereit.
3. Suchen Sie sich weniger Hilfe bei Anwälten und Frauen, da sie Ihnen bei Ihrem Prozess nicht sonderlich viel helfen können.
4. Versuchen Sie es nicht das Gerichtswesen verändern zu wollen, da Sie sonst den Eindruck erwecken, systemfeindlich zu sein.
Wenn Sie diese Ratschläge befolgen, wird der Prozess möglicherweise mit einem Freispruch enden. Ich hoffe, ich konnte Ihnen behilflich sein.
Mit freundlichen Grüßen
- Der Direktor
