Kafka-Fundstücke
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Franz Kafka im Juni 1917 an seinen Freund Max Brod:
- "Liebster Max, was ich tue, ist etwas einfaches und selbstverständliches: Ich habe in der Stadt, in der Familie, dem Beruf, der Gesellschaft, der Liebesbeziehung [...], der bestehenden oder zu erstrebenden Volksgemeinschaft, in dem allen habe ich mich nicht bewährt und dies in solcher Weise wie es - hier habe ich scharf beobachtet - niemandem rings um mich geschehen ist [...] Der nächste Ausweg, der sich, vielleicht schon sein den Kinderjahren, anbot, war, nicht der Selbstmord, sondern der Gedanke an ihn. In meinem Fall war es keine besonders zu konstruierenden Feigheit, die mit vom Selbstmord abhielt, sondern nur die gleichfalls in Sinnlosigkeit endigende Überlegung: "Du, der du nichts tun kannst, willst gerade dieses tun?"
- (aus: Franz Kafka, Der Prozess. Erläuterungen und Dokumente, Reclam S.64/5)
Walter Killy: Literaturlexikon
- "Als Ort, an dem der Umschlag von Freiheit in Zwang vonstatten geht, erscheint K. das Institutionenfeld der Justiz [...] Niemand außer Kleist hat dies in so konsequenter Weise literarisch zu vergegenwärtigen gewußt wie der Jurist K.: u. zwar, indem er die Intimität der Familie durch das Modell eines Justizrituals - Verhör, Verurteilung u. Hinrichtung - mit der Sozietät verknüpft. Dieser Gedanke von der Gewalt der Rechtsordnung, die alles Leben überformt, hat K.s Schaffen immer wieder bestimmt: von der Beschreibung eines Kampfes (1904-06) über die Entlarvung eines Bauernfängers (1911/12), Das Urteil, In der Strafkolonie (Lpz. 1919), Vor dem Gesetz (in: Selbstwehr 9, 1915), DerProzeß, Der neue Advokat (1917) u. Ein Brudermord (1917. Beide zuerst in: Ein Landarzt) bis hin zur Frage der Gesetze (1920). Familie, Rechtsordnung, Fremdheitserfahrung u. Gewalt sind die Motive, die zur beherrschenden Argumentationsfigur von K.s Texten zusammenwachsen."
- (Aus Walter Killy: Literaturlexikon Bertelsmann Lexikon Verlag Digitale Bibliothek)
Kafkas erste Streichung im ›Proceß‹ - Von Brigitte Kronauer
- "Der Proceß ist in Groß- und Kleinstruktur bestimmt vom Prinzip Machtausübung und Unterwerfung. Dabei schwanken die einzelnen Individuen ständig in ihren Positionen, ohne jedoch der Klammer dieser Alternative zu entkommen. Kafka dagegen ist in der Literatur einer der freiesten seines Fachs. Mit jeder Beobachtung, jeder Sprachwendung entschlüpft er der Erwartbarkeit, dem Klischee, der Konvention. An ihm kann man erforschen, was es tatsächlich bedeutet, zu schreiben, was man will, dasjenige aufs Papier zu setzen, was nach eigenem Gehör und eigener Entscheidung dahin muss, nicht, was sich, auch nach traditioneller Dramaturgie etwa, gehört. [...] Wie selbstverständlich das klingt, ohne es aber sogar bei großen Schriftstellern durchgängig zu sein! Das trotz gewaltiger Komik von Beginn an Beklemmende im Proceß wird gekontert von den als tadellose Logik getarnten Ausbrüchen des Unberechenbaren, beinahe Satz für Satz."
- ("Das ist keine gute Verbindung - Kafkas erste Streichung im ›Proceß‹ - Von Brigitte Kronauer, Marbacher Katalog 60: Denkbilder und Schaustücke. Das Literaturmuseum der Moderne. Herausgegeben vom Deutschen Literaturarchiv Marbach. 2006. oder: http://www.literaturportal.de/artikel.php?artikel=26)
Franz Kafka: The Trial
- "Many of the motifs in the short fables recur in the novels. In Amerika, for example, the boy Karl Rossmann has been sent by his family to America. There he seeks shelter with a number of father figures. His innocence and simplicity are everywhere exploited, and a last chapter describes his admission to a dreamworld, the “nature-theatre of Oklahoma”; Kafka made a note that Rossmann was ultimately to perish. In The Trial , Joseph K., an able and conscientious bank official and a bachelor, is awakened by bailiffs, who arrest him. The investigation in the magistrate's court turns into a squalid farce, the charge against him is never defined, and from this point the courts take no further initiative. But Joseph K. consumes himself in a search for inaccessible courts and for an acquittal from his unknown offense. He appeals to intermediaries whose advice and explanations produce new bewilderment; he adopts absurd stratagems; squalor, darkness, and lewdness attend his search. Resting in a cathedral, he is told by a priest that his protestations of innocence are themselves a sign of guilt and that the justice he is forced to seek must forever be barred to him. A last chapter describes his execution as, still looking around desperately for help, he protests to the last. This is Kafka's blackest work: evil is everywhere, acquittal or redemption is inaccessible, frenzied effort only indicates man's real impotence." ( Enzyklopedia Britannica 2004 Deluxe Edition CD)
