Goethe10/Protokoll5
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Protokoll der Deutschstunden vom 18./19. Mai 2010
Thema: Wald und Höhle - Faust II
Die Deutschstunde am 18. Mai 2010 begann mit der Besprechung der Hausaufgaben. Wir sollten das Schema zur Interpretation der Szene „Wald und Höhle“ (siehe Faust 3217- 3374) vervollständigen und hinzufügen, was der Szene vorausging und was aus den Ereignissen aus „Wald und Höhle“ folgt. Vor dieser Szene, die als Schicksalswende der Gretchentragödie verstanden werden kann, befindet sich Faust gemeinsam mit Gretchen in Marthens Garten. Hier wird deutlich, dass sich Gretchen hinsichtlich ihrer Beziehung zu Faust nicht sicher ist. Darüber hinaus wird Gretchen in den Zeilen 3181- 3184 ( „(...) Er liebt mich- liebt mich nicht“) sehr unschuldig dargestellt, was ihre kindliche und naive Liebe zu Faust unterstreicht. Trotz dieser Naivität hat Gretchen aber einen gewissen Klärungsbedarf hinsichtlich ihrer Rolle, ihrer Identität und den Fragen Was bin ich? Und Was wird aus der Beziehung zu Faust? . Diese Unsicherheit spiegelt sich auch in den Zeilen 3211- 3216 wider: „Du lieber Gott! was so ein Mann Nicht alles, alles denken kann! Beschämt nur steh’ ich vor ihm da, und sag’ zu allen Sachen ja. Bin doch ein arm unwissend Kind, Begreife nicht, was er an mir find’t.“
Nach der Szene in „Wald und Höhle“ folgt Gretchens volksliedhafter Gesang am Spinnrad, in dem sie ihre Gefühle beschreibt. („Meine Ruh’ ist hin“, siehe 3374) und später in Zeile 3413 äußert, dass sie durch Faust „vergehen“ werde. Dies wirkt auf den Leser wie eine Art Vorahnung und greift eine Aussage Fausts aus der vorangegangenen Szene „Wald und Höhle“ wieder auf, in der auch er sagt, Gretchen werde mit ihm „zugrunde gehen“ (siehe 3365). Wenn man die beiden Szenen „Wald und Höhle“ und „Gretchens Stube“ miteinander vergleicht stellt man fest, dass sie einen starken Kontrast zu einander bilden, da es sich in „Wald und Höhle“ um einen Dialog und die Beschreibung von Fausts Naturbewunderung handelt. Die Szene „Gretchens Stube“, die als Monolog dargestellt wird, zeigt keine anspruchsvollen Betrachtungen Gretchens, sondern ist Ausdruck der Einsamkeit und der schlichten Gedankenwelt eines bürgerlichen Mädchens.
Später in Marthens Garten folgt Gretchens Frage an Faust „Wie hast du’s mit der Religion?“ (siehe 3415), die nicht zuletzt als Beziehungsfrage zu verstehen ist da Gretchen wissen möchte, ob ihre gemeinsame Beziehung eine (bürgerliche) Zukunft hat. Gretchen ist sich dessen bewusst, dass eine Heirat mit Faust nur möglich ist, wenn dieser gläubig ist und beide eine Art der gemeinsamen Verständigung hinsichtlich ihrer gemeinsamen, elementaren Lebensplanung finden. Faust antwortet ihr mit der Beschreibung seines Religionsbildes, dem Pantheismus, in dem Gott und Natur eine Einheit bilden (siehe 3437- 3438).
Später in den Zeilen 3470- 3500 zeigt Gretchen, dass sie Mephisto durchschaut hat. Nach dieser Erkenntnis verdichtet sich die Problematik um Gretchen: Das Schlafmittel, das sie von Faust erhält um sich nachts mit ihm treffen zu können, tötet ihre Mutter und schließlich steht Gretchen allein der schwierigen Situation ihrer unehelichen Schwangerschaft und dem damit verbundenen sozialen Abstieg gegenüber.
Nachdem wir den ersten Teil des Faust abgeschlossen hatten, beschäftigte uns nun die Frage, wie es mit Faust weitergeht. Bevor Herr Dautel den zweiten Teil aber für uns zusammenfasste, folgten zunächst als Einstieg ein paar Fakten: Der zweite Teil des Faust ist wesentlich umfangreicher als der erste und wurde erst nach Goethes Tod veröffentlicht. Darüber hinaus besteht er aus fünf Akten, was eine Rückkehr zur klassischen Dramenstruktur bedeutet. Außerdem ist der zweite Teil nicht mehr im volkstümlichen Knittelvers geschrieben, was auch zur großen Welt der Fürsten passt, in der die Geschichte nun spielt, die auch stark von Mythologie und allegorischen Elementen geprägt ist.
Zu Beginn von FAUST II hat Faust in Lethes Fluten, dem Fluss des Vergessens, gebadet und erwacht in einer „anmutigen Gegend“, die von einer harmonischen Natur geprägt ist. Diese Harmonie wird akustisch durch die Äolsharfe dargestellt. Dieser Neuanfang spielt in einem neuen Szenario, einer kaiserlichen Pfalz. Pfalzen waren früher die Stützpunkte der Kaiser, um politische Geschäfte in verschiedenen Gegenden führen zu können. Faust wird bei Hofe als Magier eingeführt und erhält die Aufgabe, bei einem Mummenschanz, einer Art Karneval, die schönste Frau und den schönsten Mann, Helena und Paris, erscheinen zu lassen. Mephisto hilft Faust bei dessen Auftrag und schafft für den Hofstaat eine Vision, in der Helena und Paris auftreten. Jedoch fällt Faust selbst auf diese Vision herein und tritt in die Illusion um Helena, deren Gesicht er bereits in der Hexenküche gesehen hat, zu greifen. Daraufhin bricht das von Mephisto geschaffene Trugbild zusammen, was für Faust eine große Blamage bedeutet, die ihn zur Flucht vom Hof zwingt.
Der zweite Akt spielt zu Beginn in Fausts ursprünglichen Gelehrtenzimmer aus der Gelehrtentragödie des ersten Teils. Das alte Laboratorium wurde von Fausts ehemaligen Famulus Wagner, der mittlerweile Chef des Laboratoriums ist, weiterentwickelt. Nun werden hier alchimistische Versuche durchgeführt. Außerdem versucht Wagner einen künstlichen Menschen im Reagenzglas zu züchten, also gewissermaßen eine Art künstliche Befruchtung durchzuführen, da Wagner der Meinung ist, dass die natürliche Art der Zeugung unter der Würde des modernen Menschen liege. Schließlich beobachten Wagner und Mephisto gemeinsam wie sich ein kleiner Mensch im Reagenzglas herausbildet und beginnt, mit ihnen zu sprechen. Der Homunculus (was Menschlein bedeutet) schwebt zum schlafenden Faust und sieht dessen Träume, die Ausdruck seiner Fantasien bezüglich Helena sind. Der Homunculus ist gewissermaßen ein Traumdeuter, aber in erster Linie noch ein Geist, der sich materialisieren möchte. Um diesen Wunsch realisieren zu können, folgt nun eine lange Szene, die „klassische Walpurgisnacht“, in der viele Wesen der griechischen Mythologie auftauchen. Homunculus belauscht dabei ein Gespräch zwischen den Philosophen Thales und Anaxagoras, welche über die Frage streiten, welches das vortrefflichere Ur-Element sei: Das Wasser oder das Feuer. Homunculus stürzt sich daraufhin in das Meer, er hat sich für das Wasser als dasjenige Element entschieden, welches für sanftes Werden und Gedeihen zuständig ist.
Im dritten Akt erscheint Helena tatsächlich und begegnet Faust, der nun als mittelalterlicher Ritter dargestellt ist. Schließlich bekommen die beiden einen gemeinsamen Sohn, Euphorion, der in kürzester Zeit in die Pubertät kommt. Dieser klettert auf einen Felsen, von dem er schließlich abstürzt. Dieses Ereignis ist eine Allegorie dafür, dass das klassische Altertum, welches durch Helena symbolisiert wird, und das romantische Mittelalter, durch Faust dargestellt, nicht miteinander vereinbar sind.
Der vierte Akt beginnt im Hochgebirge wo Mephisto und Faust einen Krieg beobachten. Die Geschichte dieses Krieges reicht bis zum ersten Akt zurück. Der kaiserliche Hof, von dem Faust fliehen musste, befand sich in einer wirtschaftlichen Krise. Mephisto, der sich der Tatsche, dass Geld und Arbeit immer eng zusammenhängen und voneinander abhängig sind bewusst ist, druckte aber einfach mehr Geld und warf dies unters Volk und löste auf diese Weise eine Inflation aus, die eine Revolution, einen Gegenkaiser und einen Krieg zur Folge hatte. Nun greift Mephisto aber in den Krieg ein und schickt die drei Gewaltigen Habebald, Raufebold und Haltefest in die Schlacht. Der Krieg wird von ihnen zugunsten des Gegenkaisers entschieden. Im Zelt des Gegenkaisers wünscht sich Mephisto ein Stück Küste als Gegenleistung für seine Hilfe, wobei dem Gegenkaiser allerdings nicht klar wird, was Mephisto mit einem Küstenabschnitt, der nicht einmal für die Landwirtschaft genutzt werden kann, anfangen möchte.
Im fünften Akt gestaltet Mephisto den Küstenabschnitt zu einem Urlaubsort für Faust um, baut eine Infrastruktur auf und nutzt mit Faust das Land um eine neue Wirtschaftsordnung, den Kapitalismus, zu gründen. Faust wird also zum Kapitalisten und Mephisto dessen Verwalter. Nun entsteht langsam ein eigenes Reich. Jedoch wird Faust allmählich alt und möchte eine Ruhestätte für sich. Schließlich findet Faust einen passenden Ort, den er für sich beansprucht. Jedoch liegt dieser Ort auf einer Anhöhe, die bereits von einem alten Ehepaar, Philemon und Baucis, bewohnt ist. Außerdem befindet sich dort noch eine Kapelle, deren Glockenläuten den mittlerweile alten Faust stört. Trotzdem ist er aber fest entschlossen, sich an diesem Ort niederzulassen. Deshalb beauftragt er Mephisto damit, das alte Ehepaar zu entschädigen und dann von der Anhöhe zu entfernen. Mephisto führt den Auftrag aber anders aus, als von Faust gedacht. In einer gezielten Vernichtungsaktion bemüht Mephisto seine Raufbolde, die die Hütte von Philemon und Baucis anzünden und somit deren Existenz zerstören. Da dies von Faust so nicht beabsichtigt war, entsteht ein Streit mit Mephisto. Schließlich resigniert Faust und begegnet vier grauen Weibern, Schuld, Not, Mangel und Sorge. Sorge, die als Allegorie in Gestalt einer alten Frau auftritt, macht Faust blind. Jedoch wird Faust in dem Maße wie er erblindet, im Sinne von innerer Erkenntnis über sein Leben sehend. Später hört Faust wie die Lemuren, die Arbeiter des Teufels, schaufeln. Er glaubt, sie würden an einem Graben arbeiten, jedoch handelt es sich dabei aber um Fausts Grab, in welches dieser nach einer letzten Vision tot hineinfällt.
Schließlich folgt ein Epilog im Himmel, wo ein Kampf zwischen den Engeln und den Wesen der Hölle um Fausts Seele stattfindet. Die Hölle scheint den Kampf um Faust schon fast gewonnen zu haben, als die Engel eine List erfinden, um ihn zu retten. Mephisto wird homosexuell und ist von den Engeln so beeindruckt, dass er für einen Augenblick abgelenkt ist und Faust vergisst. Diese kurze Unachtsamkeit nutzen die Engel des Himmels für sich und retten auf diese Weise im letzten Moment Fausts Seele.
