Fontane07/Werk im Kontext/9

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Sowohl Ferdinand von Walter als auch Geert Baron von Innstetten sind Repräsentanten der herrschenden Klasse, doch kann man sie beide als Opfer der Gesellschaft sehen?
Trotz vollkommen unterschiedlicher gesellschaftlicher und sozialer Umstände, eingebettet in unterschiedliche Ideologien, fallen beide Männergestalten ihrem Umfeld zum Opfer und zerbrechen an Normen, Prinzipien, Moral und Tradition.

Ferdinand ist ein jugendlicher Held und ein egozentrischer Träumer, er hat hohe Vorstellungen von Treue und glaubt an die ewige Kraft der Liebe; ist somit eine typische Figur des Sturm und Drang.
Er lässt jedoch auch sehr unreife Charakterzüge durchblicken, die sich nicht mehr nur seinem Alter zuordnen lassen, sondern das Bild eines jungen Mannes heraufbeschwören, der sich sein ganzes bisheriges Leben nicht mit schwerwiegenden Problemen beschäftigen musste, sondern nach eigenem Gutdünken handeln konnte.
In seiner Liebe zu Luise ist Ferdinand impulsiv, emotional und sehr besitzergreifend, eine Tatsache, die nur einmal mehr seinen gesellschaftlichen Hintergrund und die Erziehung am Hof eines absolutistischen Fürsten unterstreicht.
Dennoch führt sein fehlender Realitätssinn und seine Unüberlegtheit zu häufigen Irritationan und Konflikten mit den herrschenden Verhaltensnormen.Als Teil der höfischen Welt hat er keine Verwendung für bürgerliche Werte wie Moral und Ehre und somit kein Verständnis für die Probleme Luises. In der Szene, in der sich Luise von ihm lossagen will, spielt er den furchtlosen Helden, der nichts und niemanden fürchtet und für seine Liebe Luise sogar durch das Feuer gehen würde.
Das zeugt nun wiederum davon, wie er die Situation verkennt und nicht in der Lage ist, den Kern der Sache anzugehen. Er kann seine eigene Situation und die damit einhergehende Konflikte und Probleme nicht realistisch einschätzen und wird somit zum Spielball der politischen Kräfte.
Dies führt dann zur Katastrophe: Der fingierte Liebesbrief entfacht Ferdinands rasende Eifersucht. Diese bringt ihn dazu, den Tod Luises durch Vergiftung herbeizuführen und anschließend Selbstmord zu begehen: das Ende ihrer Liebe.

Baron von Innstetten steht im Gegensatz zu der Figur Ferdinands: Der fast vierzigjährige Landrat heiratet die 17-jährige Effi und macht sie zur Frau Landrat in einem fernen Provinzdorf - damit ist ihre erfüllte Kindheit abrupt beendet.
Nachdem sein Werben um Luise Briest in früherer Zeit erfolglos war, schlägt er einen außergewöhnlichen Karriereweg ein: Nach seinem Abschied vom Soldatenleben studiert er, dient im Krieg und wird zu einem Vertrauten Bismarcks und des Kaisers. Das zeigt schon erste Charakterzüge auf: Schon früh hat Dienstliches Vorrang vor dem Privaten, ein Merkmal das sich wie ein roter Faden durch den Roman zieht. Jedoch wird Innstetten, der "Mann von Prinzipien und Grundsätzen", schrittweise zum Opfer des gesellschaftlichen Zwangskorsetts, an dessen Ausgestaltung er maßgeblich beteiligt ist.
Konkretisiert man seine Prinzipien, so lassen sie sich fast ausnahmslos der Kategorie der Pflicht zuordnen, Pflicht nicht zum Selbstzweck, sondern als Grundlage eines "geplanten" Lebens, das erst am oberen Ende der Karriereleiter in Erfüllung endet. Daraus folgt ein schon fast verinnnerlichter Anpassungsdruck, der selbstständige Entscheidungen und Handlungsalternativen verhindert. Das in der Duellsituation formulierte "Ich muss" zeigt somit die Hauptproblematik auf.
Es entsteht ein paradoxes Zweckbündnis: Die altpreußischen Denkstrukturen reiben sich an den fortschrittlichen Grundsätzen des modernen Beamtentums. Durch diesen Zwiespalt wird die Tragik eines Individuums deutlich, das sich trotz Einsicht in gesellschaftliche Zwänge nicht aus diesen zu befreien vermag.

Beim Vergleich der beiden Männer lässt sich feststellen, dass beide auf ihre Art Opfer der Gesellschaft sind. Ferdinand kommt am Ende des Trauerspiels durch eigene Vergiftung zu Tode, da er, blind für die Realität, nicht aus seiner Traumwelt heraus kann und von der Rädern der Gesellschaft überrollt wird.
Die ganze Handlung hindurch ist er ein Spielball des Präsidenten und von Wurm, der die Intrige anstößt und Ferdinands Reaktionen immer genau voraussagen kann, da er in ihm zu lesen scheint wie in einem offenen Buch.
Dadurch entsteht der Eindruck eines kindlichen jungen Mannes, dem im Positiven wie auch im Negativen alle Entscheidungen "abgenommen" werden, da man ihm nicht zutraut selbstständig und eigenverantwortlich zu handeln. Eigentlich ist er dies jedoch nicht, sondern er ist durchaus in der Lage selbst Entschlüsse zu fassen und diese auch umzusetzen; allerdings geschieht dies auf so zielstrebige und ungestüme Art und Weise, dass die Wirkung verfehlt wird.
Hieraus ergibt sich die Tragik dieser Figur, da er dank seiner absoluten und kompromisslosen Gefühle zwar in der Lage ist, bestehende geistige Schranken zu durchbrechen und sich über sie zu stellen, es ihm dadurch aber auch verwehrt bleibt, den Schranken und gesellschaftlichen Vorgaben gemäß zu handeln und so sein und Luises Schicksal zu wenden.

Baron von Innstetten hingegen durchschaut die Problematik sehr wohl, kann aber als Einzelperson nichts dagegen unternehmen, da er selbst noch so in seiner Rolle verstrickt ist und nicht aus sich heraus kann. Nachdem er die Liebesbeziehung seiner Frau zu Major Crampas entdeckt hat, tötet er diesen im Duell, verwehrt ihr den weiteren Zutritt zu seinem Haus, behält das alleinige Sorgerecht für das Kind und bricht den Kontakt zu Effi ab. Die daraus unmittelbar folgenden Konsequenzen bringen Innstetten dazu, eine Korrektur seines Selbstverständnisses vorzunehmen. So folgt der Einblick in einen menschlicheren Innstetten, der seine Intelligenz zur Kritik der Verhältnisse und zur Kritik an sich selbst nutzt, um Widersprüche zu benennen. ( "tyrannisierendes Gesellschafts-Etwas, Fleck auf der Ehre...") Innstetten erkennt, dass er einen hohen Preis für seinen gesellschaftlichen Aufstieg und seine Anerkennung zahlen muss, einen Preis, der vielleicht zu hoch ist.
So verabschiedet sich mit ihm kein "Mann von Prinzipien" aus dem Roman, sondern ein gebrochener Charakter. Selbst die Ernennung zum Ministerialdirektor in Berlin kann ihn nicht mehr erfreuen; es hätte den Innstetten am Anfang erfreut, nicht aber den, zu dem er geworden ist und der alles, was früher von Wichtigkeit war, als "glänzenden Schein" entlarvt.
Er bekennt, dass sein persönliches Scheitern verantwortlich ist für sein "verpfuschtes Leben" und reagiert mit Selbstzweifeln, die seiner verlorengegangenen Identität entspringen. Damit ist er stellvertretend für die herrschende Klasse Opfer und Täter in einem.

So resultiert aus diesem Vergleich, dass beide Charaktere, die doch so unterschiedlich zu sein scheinen, an derselben Grundproblematik zu Grunde gehen: sie sind nicht fähig, die Erwartungen, die die Gesellschaft an sie stellt, und gleichzeitig ihren eigenen Vorstellungen gerecht zu werden. So sehen sich beide mit einem gescheiterten Dasein konfrontiert, was für beide ein unerträgliches Schicksal ist.