Fontane07/Werk im Kontext/62
Aus HöGyWiki
Die Schuldfrage zieht sich wie ein roter Faden durch die Werke "Kabale und Liebe" von Friedrich Schiller und "Effi Briest" von Theodor Fontane. Wer ist schuldig und wer nicht? Nicht nur die Nebenfiguren, sondern auch die beiden Protagonistinnen Luise Miller und Effi Briest müssen sich diese Frage stellen.
In dem Roman "Effi Briest" erscheint Effi als die schuldige Person. Sie hat schließlich einen ehrenwerten und hochangesehenen Mann, der sie respektiert, trotz ihres jungen Alters und der versucht ihren gewünschten Lebensstandard zu erfüllen, hintergangen. Innstetten ist gezwungen des öfteren auf Geschäftsreisen zu gehen. Durch ihre Einsamkeit sucht Effi Abwechslung zu ihrem monotonen Alltag, diese findet sie bei Crampas. Crampas schenkt ihr Geborgenheit und das Gefühl wichtig zu sein.
Effi wurde von diesen äußeren Umständen und Gegebenheiten gelenkt, entschied jedoch selbst über ihr Schicksal und trägt somit die Verantwortung für die folgenden Konsequenzen ihrer Affäre.
In Kapitel 24 wird deutlich, dass sie sich nicht für diese Tat schuldig fühlt. Sie empfindet Scham über ihr Lügenspiel, nicht aber über ihre Schuld am Geschehenen. Sie schämt sich ebenfalls dafür, dass es ihr an tiefem Schuldempfinden fehlt. Dadurch, dass sie nicht das "richtige Gefühl" (Kap.24, S.185, Z.26) entwickeln kann, denkt sie, dass sie schlecht oder sogar böse ist. Erst als sie den Brief aus Hohen-Cremmen erhält, der ihr offenbart, dass ihr Betrug aufgedeckt wurde, werden ihr die Ausmaße ihrer Affäre bewusst. Sie spricht ein hartes Urteil über sich selbst "Ich bin schuldig, und eine Schuldige kann ihr Kind nicht erziehen." (Kap.31, S.215, Z.23-24) und nimmt die Konsequenzen ihres Lügenspiels, die Scheidung, der gesellschaftliche Austoß und der Entzug des Sorgerechts für Annie hin. Ihre Schuldgefühle verstärken sich bis ins Unermessliche, dadurch erkrankt sie und stirbt einsam. Nach Effis Wunsch steht auf ihrem Grabstein ihr Mädchenname, da sie dem anderen keine Ehre gemacht hat.
In "Kabale und Liebe" muss sich Luise Miller die Schuldfrage stellen. Der Präsident von Walter und sein Sekretär Wurm zwingen Luise einen Liebesbrief an den Hofmarschall von Kalb zu schreiben. Dieser soll dem eifersüchtigen Ferdinand zugespielt werden und das Aus seiner Liebe zu Luise bedeuten. Luise hat keine andere Wahl als ihren Liebsten zu täuschen und zu belügen. Sie hat hohe Moralvorstellungen und die Eidtreue scheint ihr derart wichtig, dass sie nichts unternimmt, um den geleisteten Eid zu brechen und die herannahende Katastrophe zu verhindern. Ihre Religiosität und ihre Frömmigkeit wecken Schuldgefühle in ihr, da sie über den unüberwindbaren Standesunterschied hinausliebt. Sie hat ein schlechtes Gewissen, denn ihre Gedanken kreisen stets nur um Ferdinand "Ich hab keine Andacht mehr, Vater - der Himmel und Ferdinand reißen an meiner blutenden Seele, und ich fürchte [...]" (1.Akt, 3.Szene, S.9, Z.10-12). Sie versucht mit der Situation umzugehen und ihre Religiosität hilft ihr die Anschuldigungen Ferdinands, ihn betrogen zu haben, zu ertragen. Im fünften Akt scheinen ihre Kräfte jedoch am Ende zu sein. Sie zeigt ihrem Vater einen Brief an Ferdinand, in dem sie einen Selbstmord andeutet "Eide, Vater, binden wohl die Lebendigen, im Tode schmilzt auch der Sakramente eisernes Band." (5.Akt, 1.Szene, S.75, Z.7-8). Ihr Vater kann sie von ihren Selbstmordgedanken abbringen. Die Katastrophe nimmt weiter ihren Lauf. Ferdinand vergiftet sich und Luise. Erst als Luise im Sterben liegt, deckt sie die Intrige auf und gibt die Wahrheit preis.
