Fontane07/Werk im Kontext/6
Aus HöGyWiki
Können zwei Werke, zwischen denen mehr als 100 Jahren liegen und die aus verschiedenen literarischen Epochen stammen, verglichen werden? Die Frage, was Schuld eigentlich ist, wer schuldig ist und wie die Charaktere damit umgehen, ist wohl eines der wichtigsten Themen in "Kabale und Liebe" sowie auch in "Effi Briest".
In "Kabale und Liebe" lieben sich Luise Miller und der Präsidentensohn Ferdinand von Walter trotz des Standesunterschiedes. Während Luise aber erkennt, dass die Beziehung keine Zukunft hat und ihr Lebensglück zu opfern bereit ist, will Ferdinand seine Liebe unbedingt durchsetzen; gerade so wird er anfällig für das Intrigenspiel des Hofes. Da der Präsident diese Liebe um jeden Preis zu verhindern gedenkt, spinnt er gemeinsam mit dem Sekretarius Wurm und dem Hofmarschall eine Kabale. Sein Sohn, der Spielball der Intrige, wird daraufhin so rasend eifersüchtig, dass er sich und seine Luise vergiftet.
Ganz im Gegensatz zu Schillers Bürgerlichem Trauerspiel handel Theodor Fontanes "Effi Briest" nicht von einer verbotenen, aber kurzzeitigen glücklichen Liebe, sondern von einer durch die Eltern angebahnten, unglücklichen Ehe. Beide Frauen, Luise Miller und Effi von Briest gehen jedoch an den Geschehnissen zugrunde; während die eine jedoch vergiftet wird, führt bei der anderen die Somatisierung der permanenten Schuldgefühle, die aus der Affäre mit Major Crampas resultieren, zum Tod.
Die Frage ist nun, in wieweit die jungen Frauen verantwortlich für das sind, was mit ihnen selbst geschieht und für das, was durch ihr Handeln in ihrer unmittelbaren Umgebung passiert. Bei beiden ist eine monokausale Schuldzuweisung nicht möglich, denn während sich Luise der feudalen Ständeordnung und dem Machtmonopol des Hofes unterlegen fühlt, unterliegt Effi dem tyrannisierenden "Gesellschafts-Etwas" (S. 199, Z. 35).
Effi Briest, die als junges Mädchen mit dem doppelt so alten Geert von Innstetten verheiratet wird, geht in Kessin eine Affäre mit Major Crampas, einem alten Freund Innstettens, ein. Durch diesen Ehebruch, das Übertreten der gesellschaftlichen Konventionen, verstrickt sie sich in Schuld. Während sie in Berlin auf einen Neuanfang hofft, ist sie sich zwar ihrer Schuld bewusst, doch diese lastet nicht schwer auf ihrer Seele. Viel schlimmer ist die Todesangst und ewige Furcht, dass am Ende doch noch alles an den Tag kommen könnte. Statt Schuld verspürt Effi Scham; sie analysiert sich selbst und erkennt sehr genau, dass ihr ein natürlich-moralisches, tiefes Schuldgefühl fehlt. In ihrer Selbstreflexion vermutet sie sogar, dass mit ihrer Seele etwas nicht in Ordnung sei. Was Effi demütigt und quält sind das Versteckspiel, die Lügen und die Heimlichkeiten, allgemein die Begleitumstände ihrer Beziehung zu Crampas.
