Fontane07/Werk im Kontext/4
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Sowohl in Theodor Fontanes Roman "Effi Briest", als auch in Friedrich Schillers Drama "Kabale und Liebe" sind die Hauptfiguren der Gesellschaftsschicht des Bürgertums zuzuordnen. Dennoch sind die Umstände, unter denen diese Schicht lebt, in den 2 Werken auf Grund des großen zeitlichen Abstandes sehr unterschiedlich. Schillers Drama spielt um 1800, einer Zeit, in der Deutschland in viele kleine Fürstentümer zersplittert und die Gesellschaft sehr strikt in Stände geteilt war. Das Bürgertum war der dritte Stand nach Adel und Klerus und zu diesem Zeitpunkt noch nicht ökonomisch selbstständig. Es war vielmehr eine Zwischenschicht, die über den Ärmeren (z.B. den Bauern) und unter dem Adel stand. Allerdings war das Bürgertum politisch völlig machtlos und die Versuche, sich aus dieser Machtlosigkeit zu emanzipieren, waren erfolglos. In Schillers Drama drückt sich dies durch die Unfähigkeit der Familie Miller aus, sich in irgendeiner Weise gegen die Übermacht des Fürsten zu wehren.
Das Bürgertum versuchte sich selbst von den anderen Ständen abzugrenzen und bekräftigte dadurch die Standesgrenzen. Unter anderem versuchte es, sich vom Adel durch hohe moralische Werte zu unterscheiden, was man auch in Kabale und Liebe erkennt, denn die Intrige funktioniert unter anderem, da sich Wurm auf das Ehrenwort des Bürgertums verlassen kann. Die extreme Standestreue wird ebenfalls sichtbar, z.B. wenn die Liebe zwischen Ferdinand und Luise als "Kirchenraub" bezeichnet wird (3. Akt, 4. Szene: LUISE "Mein Anspruch war Kirchenraub, und schauernd geb ich ihn auf."). Hierbei wird auch noch der Aspekt der starken Religiösitat eingebracht, die im hier vorliegenden Beispiel benutzt wird, die Standesgrenzen zu begründen. Das Bürgertum blieb ständig gefangen zwischen seinen hohen moralischen Ansprüchen, seiner gedanklichen Überlegenheit über den Adel und seiner faktischen Bedeutungslosigkeit.
Im Gegensatz dazu spielt Fontanes "Effi Briest" um 1900. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich das Bürgertum stark weiterentwickelt, die Mitglieder dieser Schicht leben in wirtschaftlichem Wohlstand und üben Macht aus, so sind sie als Beamte zu den Verwaltern des Staates (wie Innstetten und Herr von Briest) geworden und befinden sich auf einer Stufe mit dem herabgestiegenen alten Adel oder haben hohe wirtschaftliche Stellungen inne, auch wenn die höchste Macht im Staat noch beim Kaiser liegt. Das Bürgertum hält immer noch seine hohen moralischen Vorstellungen hoch, aus denen sich inzwischen ein komplexes Normen- und Verhaltensregelsystem entwickelt hat, ohne jedoch den Sinn der Abgrenzung zum Adel wie zu Schillers Zeiten zu erfüllen, was sich im Roman unter anderem im "gesellschaftlichen Zwang" der Durchführung des eigentlich sinnlosen Duells ausdrückt. Ebenfalls gleich geblieben ist die patriarchale Struktur der Familie.
Man sieht, dass zwar beide Werke im Bürgertum spielen, sich die Probleme dieser Schicht aber im Laufe der Zeit gewandelt haben. War das Bürgertum zu Schillers Zeit machtlos und zwischen den Ständen gefangen, so hat es sich zwar im Laufe der nächsten 100 Jahre gesellschaftlich emanzipiert, bleiben aber in einem Gefüge aus Gesellschaftsnormen gefangen.
--Nico 12:48, 28. Feb 2007 (CET)
