Fontane07/Kapitel27
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Textausschnitt: Kapitel 27 (Schluss): Innstettens Gespräch mit Wüllersdorf
Inhaltsverzeichnis |
Einleitung: was, wann, wo, wer ...
Die Kurzvorstellung des Werkes
Der Gesellschaftsroman „Effi Briest" wurde 1894 von Theodor Fontane veröffentlicht. Er erschien als Fortsetzungsroman in Zeitschriften und sprach eine neue Lesekultur an. Das Werk behandelt vordergründig die Thematik des Ehebruchs und hintergründig den Antagonismus zwischen den gesellschaftlichen Konventionen des ausgehenden 19. Jh. und dem individuellen Wunsch nach Freiheit. Der Roman war ein Spätwerk Theodor Fontanes. Literaturgeschichtlich lässt er sich zur Zeit des bürgerlichen Realismus einordnen, welcher sich gegen die Spätromantik, mit seinen Übertreibungen richtet. Das Bürgertum sollte objektiv betrachtet dargestellt werden, der Roman vermittelte somit das Bild der Zeit.
Hinleitung zum Textausschnitt
Effi ist auf Anraten von Doktor Rummschüttel mit Geheimrätin Zwicker in Bad Ems zur Kur, da sie kein zweites Kind bekommen kann. Währenddessen verletzt sich Annie in Berlin beim Spielen und zieht sich eine blutende Wunde zu. Die Dienstmädchen des Hauses suchen nach Verbandsmaterial und brechen deswegen Effis Nähtisch auf. Beim Durchwühlen werden Briefe ans Tageslicht gebracht, die jedoch noch keine Bedeutung spielen. Erst als Instetten die Briefe findet, wird deren wahre Bedeutung erkannt. Es sind Liebesbriefe von Major Crampas an Effi, bei deren Lesen Instetten klar wird, dass Effi eine Affäre hatte.
Daraufhin bittet Instetten seinen Freund Geheimrat Wüllersdorf zu.
Nach Wüllersdorfs Ankunft bittet Instetten diesen, sein Sekundant in einem Duell zu sein. Instetten will zuerst nicht genau sagen, um was es sich eigentlich handelt, da er die Affäre seiner Frau als ein sprachliches Tabu ansieht und diese nur als „Sache“ (Z.29) bezeichnet. Noch bevor Wüllersdorf von der Affäre weiß, hegt er Zweifel über den Sinn des Duells und stellt Instetten die von ihm als "naiv" bezeichnete Frage: „muss es sein?“ (Z.33f). Daraufhin erzählt Instetten alles über die Briefe und Effis Verhältnis zu Crampas. Das Ganze liegt schon über sechs Jahre zurück, doch trotzdem ist die Affäre für Instetten nicht verjährt. Wüllersdorf weiß auch keinen Reim darauf, jedoch meint er, dass das Duell Instettens Leid nur vergrößern würde. Entscheide sich Instetten aber für ein Duell, würde Wüllersdorf ihm auf jeden Fall helfen. Alles hängt also nun von Instettens Entscheidung.
Hauptteil: Die Analyse
Kurzcharakteristik der Stelle
In der vorliegenden Textstelle geht es um die Notwendigkeit eines Racheaktes in Form eines Duells. Ministerialrat Wüllersdorf und Innstetten diskutieren, ob ein Duell mit dem Galan Effis notwendig ist oder nicht. Innstetten argumentiert auf einer Rechtfertigungsbasis, wobei Wüllersdorf als Projektionsfläche dient, denn er gibt Innstetten immer wieder einen Grund, sich rechtfertigen zu müssen.
Die Beiden führen einen Dialog, bei welchem Innstetten eindeutig den höheren Sprachanteil hat. Innstetten erklärt sich mit deduzierendem Sprachgestus (grammatikalisch richtig), während Wüllersdorf die Notwendigkeit eines Duells elliptisch (grammatikalisch unvollständige Sätze) und floskelhaft hinterfragt.
Der Dialog wirkt kreisend, da das Muss des Duells von vorne herein klar scheint, doch in Wüllersdorf geht eine Entwicklung vor sich, denn anfangs noch zögernd, ist er am Ende der Textstelle ebenfalls von einem Duell überzeugt; er quält Innstetten nicht länger mit seinem "muss es sein".
Die Dialoganalyse
Innstetten unternimmt in der vorliegenden Textstelle drei Versuche der Rechtfertigung. Dabei dient Wüllersdorf als Projektionsfläche, auf der Innstetten sich profilieren muss und dadurch sich selbst ein Bild geben kann. Durch die kritischen und zurückhaltend formulierten Einwände Wüllersdorfs wird Innstetten zu einer weiter- und tiefergehenden Argumentation angeregt.
Als erstes weist er auf das Ganze hin, dem alle Menschen angehören. Er nennt es das "tyrannisierende Gesellschafts-Etwas" (Z.19), das ihm Regeln vorgebe, an die sich jeder zu halten habe. Als Einzelner könne er von der Vegeltung ablassen, jedoch sei er diesem Ganzen verpflichtet, denn die Gesellschaft habe sich an vorgegebene Paragraphen gewöhnt (Z.13). Daraus lässt sich ableiten, dass er die bestehende Ordnung akzeptiert, sogar mit ihr zusammenwächst, worauf die häufig von ihm verwendeten Personalpronomen "wir" und "man" hinweisen.
Diese Unbestimmtheit wird beim zweiten Rechtfertigungsversuch überwunden, denn nun redet er von sich selbst in der Ich-Person. Dadurch will er den Angriff auf seine Persönlichkeit betonen. Dabei verweist er auf die Mitwisserschaft von Wüllersdorf, welche ihn in eine "Sackgasse" (Z.26) hineinführe. Infolge dessen wird ein Gefühl der Öffentlichkeit, die von dem Fleck auf seiner Ehre weiß, vermittelt. Folglich ist er verpflichtet, seine Ehre wiederherzustellen.
Der Impuls für den dritten Rechtfertigungsversuch ist die floskelhafte Formulierung Wüllersdorfs, "es ruhe alles in ihm wie in einem Grabe" (Z.34/35), doch Innstetten unterliegt nach seinem Empfinden nun der Kontrolle Wüllersdorfs, denn sein Verhalten werde von nun an durch dessen ständige Anwesenheit bestimmt; er werde zum Gegenstand seiner Teilnahme. Er verinnerlicht die Öffentlichkeit und gerät dadurch aus dem emotionalen Gleichgewicht, was er durch die Metaphorik des richtigen Quantums Stickstoffes in Zeile 46/47 zum Ausdruck bringt. Seinen vernünftigen und emotionsfreien Argumentationsgang schließt er mit der rhetorischen Frage "Habe ich recht, Wüllersdorf, oder nicht?" (Z.47/48) ab. Daraufhin endet der Dialog mit der resignierenden Zustimmung Wüllersdorfs, denn "Die Welt ist einmal, wie sie ist, und die Dinge verlaufen nicht, wie wir wollen, sondern wie die anderen wollen." (Z.50/51)
Die Abstraktion
Eine genaue Betrachtung der beiden Protagonisten ergibt: Innstetten und Wüllersdorf sind Repräsentanten der herrschenden Klasse, Vertreter des ehemaligen Landadels und somit in den führenden Positionen, die die Verantwortung für die Ausgestaltung des Staates tragen.
Innstetten, als Mann von Prinzipien, offenbart uns die zerstörerische Kraft von starren Grundsätzen an denen entgegen dem gesunden Menschenverstand festgehalten wird. Daraus entsteht ein paradoxes Zweckbündnis; Die altpreußischen Denkstrukturen reiben sich an den fortschrittlichen Grundsätzen des modernen Beamtentums. Durch diesen Zwiespalt wird dem Individuum die Grundlage seines bisherigen Denkens und Handelns genommen und somit die Chance auf Eigenständigkeit und Selbstbestimmung verwehrt.
Stellvertretend für die herrschende Klasse wird Innstetten so zum Opfer seiner eigenen Grundsätze, ist also Opfer und Täter zugleich.
Schluss: Folgerungen
Was folgt daraus
Nachdem Innstetten seine Forderungen nach einem Duell mit Crampas vor Wüllersdorf begründet und gerechtfertigt hat, kommt es zum Duell, in dem Crampas stirbt.
Im 29. Kapitel wird Innstetten von starken Selbstzweifeln geplagt und er betrachtet seine bisherigen Gesellschaftsvorstellungen nun sehr kritisch. Die Überzeugtheit von seinem Recht und seiner Pflicht schwinden und starke Zweifel überkommen ihn. Er stellt seine Entscheidung in Frage und macht sich Gedanken über die Verjährung einer Tat und ihre Grenzen. Innstetten hat den letzten Blick von Crampas vor Augen, der zu sagen schien "Innstetten, Prinzipienreiterei ..." (Kap.29, S.205, Z.36) und stellt sich die Frage, ob Crampas vielleicht nicht doch recht hatte. Die Fragwürdigkeit des Geschehenen quält ihn Tag für Tag. Sein "Leben ist verpfuscht" (Kap.35, S.243, Z.16) und er wird von dem damaligen "Mann von Prinzipien" (Kap.4, S.28, Z.35-36) zu einem Mann ohne Identitätsbasis. Seine Karriere, alle "Strebungen und Eitelkeiten" (Kap.35, S.243, Z.17-18), haben für Innstetten keine Bedeutung mehr, da er merkt, dass ihn das nicht mehr glücklich macht. Sein vorheriger Lebensinhalt und seine Lebenslust sind verschwunden. Am liebsten würde er sich zurückziehen und alles hinter sich lassen. Doch es gibt keine andere Möglichkeit als einfach so weiterzuleben und "Resignation [zu] üben" (Kap.35, S.244, Z.12). Wüllersdorf rät Innstetten, sich an den kleinen Dingen, den "Hilfskonstruktionen" (Kap.35, S.244, Z.37+40) des Lebens zu erfreuen. Diese scheinen der letzte Hoffnungsschimmer und Halt für Innstetten zu sein, da es eine andere Möglichkeit für einen Mann seines Standes nicht gibt.
Laura B. & Maja L.
Kontexte
- Siehe in Werk im Kontext eine Liste möglicher Vergleichsaspekte mit Friedrich Schillers bürgerlichem Trauerspiel "Kabale und Liebe".
