Das Holzrad

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Es war eigentlich ein ganz normaler Samstagmorgen, als ich Ivet Cellounterricht gab. Ivet war meine Lieblingsschülerin: Sie war fleissig und den einen oder anderen Spaß konnte man auch mit ihr haben. Und obwohl ihre Eltern immer zu den Parteitreffen kamen, war mein Eindruck von ihr ein ganz anderer, trotz ihrer Naivität. Ob ihre Eltern wissen, was jetzt mit ihr ist? Sie würden platzen vor Wut, sie würden sie verstossen, wenn sie nicht so schon unter der Erde liegt. Ich hoffe, sie kommt wieder in eine Gruppe und nicht in Einzel-“unterricht“ wie sie es nennen. Wenn sie nicht schon unter der Erde liegt. Ach, Ivet.
Als sie gerade erst den siebten Takt gespielt hat, roch ich es. Ich hatte davon schon gehört, aber dachte trotzdem, ich könnte damit wegkommen. Wie töricht ich war! Wenn ich mich retten wollte, sollte ich doch gleich nach drüben gegangen sein. Aber ob es da inzwischen nicht auch so ist? Ich hab ja den echten Namen des Nachbarlandes durch die ganze Propaganda inzwischen vergessen! Die Politiker hier haben doch so ein Erfolgsmodell geschaffen! Ob das inzwischen in der ganzen Welt so ist? Möglich ist es. Wie töricht ich nur war. Aber diese Gedanken kamen auch schon zu spät und unsere Augen schlossen sich langsam. Es war Gas.

Das nächste, woran ich mich erinnern kann, ist eine der schrecklichsten Geräusche, die man hören kann: Das Weinen der eigenen Mutter. Langsam kam ich zu mir. Diese überfüllten Krankenhauszimmer. Mindestens zu siebt lagen wir darin. Nicht einmal die Kinder konnten sie in ein eigenes Zimmer stecken. Dieses Regime macht mich krank! Das müssen sie ja auch wissen, wenn sie mich ins Krankenhaus stecken. Aber erstmal war ich so durstig, als hätte ich das Tote Meer getrunken. Ich weiß nicht, wie lange ich bewusstlos war, denn meine Uhr lief nicht mehr. Wie ich diese Parteiuhren hasse! Dass ich pflichtbewusst bin und auf meine Uhr schaue, weil ich mir alle 3 Tage eine neue kaufen muss, wollen sie das damit erreichen? Das ist doch kompletter Unsinn! Oder wollen sie einfach nur noch mehr Geld kassieren um es in ihren verdammten Kriegen auszugeben. Manchmal frage ich mich, ob es die überhaupt gibt, oder ob die Regierung nicht einfach selbst die Raketen feuert, wie in einem Buch mal erwähnt wurde, das ich noch vor der Revolution gelesen habe. Den Titel und den Autor habe ich vergessen, aber der Schreiber hat wenigstens ein Viertel eins zu eins prophezeit.
Ich hatte die ganzen Tage diesen einen Traum:
Ich liege alleine im Krankenbett, ein Priester verlässt gerade das Zimmer, ich höre das gedämpfte Weinen meiner Mutter und die Tür schliesst sich. An der Wand gegenüber hängt etwas, das bis dahin nur noch mein Unterbewusstsein kannte, ein Kruzifix. Ein Wecker steht auf dem Nachttisch neben mir, doch die Zeiger fehlen. Plötzlich entfernen sich die Wände immer weiter, und die Matratze wird zu einem endlosen Meer. Ich liege auf dem Rücken, ich strample mit Händen und Füßen, schnappe nach Atem, doch dann kommt eine Welle, die mich endgültig begräbt. Und obwohl meine Augen durch das Salz brennen, ist mir alles egal. Ich höre auf mich zu sträuben und sinke langsam und angenehm für eine längere Zeit hinunter, fühle mich mit meinem Vater vereint, der bei einem Badeunfall starb, als ich ein Kind war, bis auf einmal von oben Steine mit haarsträubender Geschwindigkeit auf mich zukommen. Aber sobald einer mich trifft, wache ich auf und schnappe nach Luft, nur um den Geruch von Kot im Bett eines Kindes zu riechen.

Wenn ich mich recht erinnere, ging das so vier Tage. Wahrscheinlich hatte ich eine Infusion, ich kann mich nämlich nur noch an das ekelhafte Wasser erinnern, welches mir gereicht wurde. Am fünften Tag, bekam ich Lederstiefel und Gummihandschuhe, mir wurde aufgetragen aufs Klo zu gehen und mich zu duschen. Erst jetzt merkte ich, dass ich die ganze Zeit völlig nackt war. Aber nach der Dusche wurde mir eine Art Nachthemd gereicht, das ich ohne zu zögern anzog. Mit verbunden Augen, wurde ich in ein anderes Zimmer geführt, doch ich merkte mir den etwa zwei Minuten langen Weg trotzdem. Die Verwandlung von allen Menschen in parteianbetende Maschinen ist augenscheinlich noch nicht abgeschlossen, denn der „Gehirnkranken“-Bereich Sektor 2 hatte kaum mehr ein freies Zimmer. Eigentlich also wie der Körperkrankenbereich Sektor 1. Aber irgendwie muss in diesem ach-so-perfekten System etwas nicht ganz richtig gelaufen sein, denn Ivet und ich kamen in ein gemeinsames Zimmer. Zwei Stühle, zwei Kabinen, eine mit abgedunkelten Fenstern, eine mit normalen Fenstern und ein Holzrad, angeschlossen an die kleine Steckdose neben der Tür. Auf dem von der Tür aus gesehenen linken Stuhl saß Ivet. Mir wurde von einem „kräftig gebauten“ Mann die Augenbinde abgenommen und ich wurde auf meinen Stuhl geführt.
„Wir fangen mit dir an!“ sagte der Mann in der durchsichtigen Kabine über Lautsprecher zu Ivet. Ihre Augen wurden mit einer seltsamen Apparatur, die sie gleichzeitig wässerten, offengehalten. Das Rad fing an, sich zu drehen, es war aber nur ein kleiner Zaun darauf zu sehen, Musik begann zu spielen, es war Beethovens 5., ich erkannte es sofort, aber obwohl ich nicht verstand, welchen Zweck das Ganze hatte, sah ich Ivet das Gesicht verziehen.
Ich verstand nicht und machte mir Gedanken. Doch nach wenigen Minuten, wurde mir das Holzrad gereicht, die Apparatur aufgesetzt, und der Mann, auf dessen Namensschild ich während Ivets Folter sah (auf dem Hodczinski stand), sagte nur kurz „Seemannstanz“, Kiwigeruch stieg mir in die Nase und um mich vor dem ganzen zu bewahren, fing ich an, zu singen um nicht zu hören, was sie dort spielen, nachdem ich Ivet gesagt hatte, dass sie das Holzrad von mir wegnehmen wollte. Ich verstand nämlich nun seinen Zweck. Wie ich bereits erzählte, war ein Zaun darauf, als Ivet es hatte. Doch nun waren Wellen darauf, und ich musste an meinen Vater denken. Es sollte mich zum Leiden bringen.
Aber die Aufpasser im abgedunkelten Raum durchschauten meinen Plan und schickten mich heraus. „Geh sofort hier raus! Wir rufen dich später!“
Ich rannte so schnell ich konnte, ich versuchte zu flüchten, ich stieß meine schweren Stiefel und Handschuhe nacheinander ab.
Ich erinnerte mich zum Glück immernoch an den Weg und kam zurück in den Anfangsraum. Ich wollte zu meiner Mutter. „Sie foltern uns! Sie foltern uns!“
Das schrie ich, doch meine Mutter war nicht da. Ich lief wieder hinaus, „Mutter, Mutter!“, vorbei an den beigen Schließfächern, durch die Tür. Ich sah die Berge, die Bäume, das Gras und legte mich hin.


--SquidFan 19:30, 10. Apr 2010 (CEST) | zurück zum BeAchtE-Projekt - zurück zur Spielwiese "Bitte BeAchtEn"

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